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Koß, Carl

1950 in Hamburg geboren. Studium der Turkologie. Er arbeitete mit seiner Frau Slavica Lukic-Koß als freier Übersetzer für Türkisch, Serbisch, Kroatisch, Niederländisch und Englisch. Seit Ende der 1970er Jahre war er aktiv im türkisch-deutschen Literaturleben und übersetzte viele Autoren der türkischsprachigen Literatur ins Deutsche. Bei der ersten Auflage 1987 und der zweiten Auflage 1995 der vorliegenden Kataloge wirkte er mit. Er starb 2008.

Nachruf

Das Bibliografieren will kaum ein Ende nehmen ... Unglaublich viele Werke türkischer Autoren und Autorinnen des 20. Jahrhunderts hat er übersetzt -- und in seinem letzten Lebensjahr: "Herr Ayaşlı und seine Mieter", einen satirischen Roman aus dem Jahr 1934 von Memduh Şevket Esendal für die Türkische Bibliothek des Unionsverlags.

Er war einer der Senioren, eines der Vorbilder für uns alle, die wir türkische Literatur übersetzen, ein Mensch, den wir nur dem Namen nach kannten, jemand, den wir, den ich für ein Phantom hielt, bis ich ihn im Dezember 2004 drei Tage lang, als zurückhaltenden Teilnehmer eines Seminars, d.h. eines Arbeitstreffens der ÜbersetzerInnen für die Türkische Bibliothek, in der Nähe von Freiburg im Breisgau kennen lernte.

In eine lebendige, zeitgemäße Sprache übertragen hat er unter vielem anderen "Murtaza oder das Pflichtbewusstsein des kleinen Mannes" von Orhan Kemal aus dem Jahr 1952, eine Novelle, die, 1979 in seiner Übertragung erschienen, unlängst wieder aufgelegt wurde. Und es sind nicht nur Werke des türkischen Literaturkanons, die er übertragen hat, nein, viele weitere Beispiele von Romanen und Erzählungen sowie Passagen türkischer Prosa ließen sich nennen.

Eine Überraschung für die KollegInnen und mich war die Verwandlung des distinguierten, stillen Seminarteilnehmers Carl Koß in einen Geschichtenerzähler. Sobald es informell wurde, plauderte er so souverän, so brillant, dass die Illusion perfekt war: Erzählte er von Altona, fühlte man sich unmittelbar nach Hamburg versetzt, wie Fatih Akin es in seinem Film "Gegen die Wand" (2004) darstellt; erzählte Carl Koß von der Südküste der Türkei, hatte man den Eindruck, man erlebte ein, zwei Stunden lang eine, ja, viele Geschichten aus einer zeitgenössischen Anthologie zur wirbelnden, experimentellen türkischen Literatur.

Wir trauern um ihn.
Monika Carbe

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