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Türkischdeutsche Literatur

von Karin E. Yeşilada

I Schreiben in der ersten Stunde

Seit über vierzig Jahren gibt es Literatur von Türken in Deutschland. Die ersten Texte standen jedoch nicht unbedingt zwischen zwei Buchdeckeln, sondern waren in Briefumschlägen zu finden. Zu Tausenden flatterten Briefe zwischen der Türkei und Deutschland hin und her, handgeschrieben oder maschinengetippt, selbstgeschrieben oder jemandem diktiert, wenn die Absender selbst des Schreibens nicht mächtig waren. Was stand in solchen Briefen?

Als 1961 der Anwerbevertrag für Gastarbeiter zwischen der Türkei und Deutschland unterzeichnet wurde, begann eine große Auswanderungswelle, die vom Osten Anatoliens in die Westtürkei, von den türkischen Dörfern in die türkischen Städte ging, und von dort aus dann ins ferne Almanya. Im Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Deutschland waren Männer Mangelware und mussten aus dem Ausland „importiert“ werden: Die Arbeitskräfte wurden gerufen. Besonders die tüchtigen türkischen Jungs waren bei der deutschen Industrie beliebt und wurden „nachgeordert“. Hunderttausende türkische Gastarbeiter kamen also nach Deutschland, alle mit dem Zug, alle mit einem Koffer, in dem sie das Nötigste gepackt hatten, und alle mit dem festen Willen, für ein paar Jahre hart zu arbeiten und Geld zu verdienen, um dann wieder in die türkische Heimat zurückzukehren. Stationen ihrer Reise waren: Istanbul-Haydarpaşa, Istanbul-Sirkeci-Dortmund, Duisburg, Bochum, Köln, Stuttgart, Frankfurt... Aus Dörflern wurden Weltreisende, aus Schafhirten wurden Metallarbeiter; sie alle landeten in kargen Unterkünften, Wohnheimen mit Mehrbettzimmern und Gemeinschaftsduschen, wo sie ihr Brot und ihre Sehnsucht nach der Heimat miteinander teilten.

In ihren Briefen berichteten sie den Daheimgebliebenen von ihrem Leben in Deutschland und beschönigten dabei so manches. Statt über die Ausbeutung am Arbeitsplatz, den Rassismus der Deutschen oder über die Einsamkeit zu klagen, priesen sie lieber die deutsche Sauberkeit und Ordnung, und malten ihr Los in den schönsten Farben aus. Ihre Briefe wurde so zu einem „Deutschlandmärchen“, das später in den Satiren von Şinasi Dikmen zu einer eigenen Form wurde: genussvoll werden da die angeblich paradiesischen Zustände so übertrieben, dass es fast schon wehtut. In der Literatur gelang das einfacher als im wirklichen Leben. Die eigentliche Last ihres Schicksals in „Bitterland Almanya“ gossen die Gastarbeiter der ersten Stunde lieber in selbstverfasste Gedichte: unzählige solcher Gedichte entstanden in den ersten Jahren! Die Sazspieler unter ihnen, die sogenannten Ozan, sangen dem Heimweh klagende Lieder.

Als sich abzeichnete, dass die Gastarbeiter länger bleiben würden als ursprünglich von ihnen selbst und der deutschen Regierung geplant, und als die Feinindustrie flinke Frauenhände benötigte, kamen auch die Frauen und Familien der Gastarbeiter nach Deutschland. Das war der Beginn der eigentlichen Einwanderung – die Türken ließen sich in Deutschland nieder. Ihre Kinder wuchsen in Deutschland auf und lernten, anders als ihre Eltern, denen nie ein Alphabetisierungs- oder ein Deutschkurs angeboten wurde (ein Fehler, den die Deutschen später bei den Russlanddeutschen nicht mehr wiederholten), Deutsch in der Schule. Waren die Väter noch einfache Arbeiter, denen die deutsche Sprache schwer über die Lippen ging, sprechen ihre Kinder in der zweiten, und ihre Kindeskinder in der dritten Generation fließend Deutsch. Viele sind heute Anwälte, Ärzte oder Unternehmer, aus Gastarbeitern wurden in der nächsten Generation Arbeitgeber und Akademiker. Eine Erfolgsgeschichte, die sich auch literarisch spiegelt.

Die Anfänge der türkischen Migrationsliteratur in Deutschland könnte man also einerseits in den zahlreichen Briefen und den darin enthaltenen „Geschichten“ sehen. Wie Tayfun Demir im vorangehenden Beitrag (s. S.2)bereits hervorhebt, standen den einwandernden Türken keinerlei Vorbilder für den Übergang vom Bauer zum Arbeiter, von der ländlichen Tradition zur Moderne, zur Verfügung. Dennoch entwickelte sich eine Migrationskultur. Doch es kamen ja nicht nur Arbeiter ins Land, sondern auch Intellektuelle. Studenten, wie beispielsweise Yüksel Pazarkaya, der später als Rundfunkredakteur beim WDR arbeitete und zur Stimme des türkischen Radioprogramms für eine ganze Generation wurde. Diese Intellektuellen interessierten sich während ihres Deutschlandaufenthaltes zunehmend für die türkische Arbeitsmigration und ihre kulturellen Auswirkungen. Schriftsteller wie Aras Ören oder Aysel Özakın, verließen ihre Heimat aus politischen Gründen, andere folgten ihren Landsleuten in die Fremde, um darüber zu schreiben. Eine Menge Namen wären hier zu nennen, wie etwa Nevzat Üstün, Bekir Yıldız, Fethi Savaşçı, Gülten Dayıoğlu, Adalet Ağaoğlu, Yusuf Ziya Bahadınlı, Dursun Akçam, Orhan Murat Arıburnu, Fakir Baykurt, Nihat Behram, Habib Bektaş, Adnan Binyazar, Güney Dal, Mahmut Makal, Aydın Engin, Oya Baydar und die oben genannten. Es mag sein, dass diese Autoren zunächst nicht vom deutschen Publikum wahrgenommen wurden. In Berlin oder im Ruhrgebiet spielten sie jedoch eine entscheidende Rolle im beginnenden kulturellen Leben der Türken in Deutschland.

Tayfun Demir weist darauf hin, dass sich auf diese Weise eine langfristige türkische, das heißt türkischsprachige, Kulturszene bildete. Wohlgemerkt, anders als den Russlanddeutschen, die nach der Wiedervereinigung ins Land strömten, bot die Bundesrepublik den angeworbenen Gastarbeitern keine Deutschkurse an. Dass sich allmählich eine türkische Literatur auf Deutsch etablierte, ist daher für sich genommen schon bemerkenswert. Die Kulturszene türkischer Sprache jedoch war auch durch das Engagement türkischer Schriftsteller getragen, die die Kulturarbeit als einen Teil der Demokratisierung ihrer Landsleute begriffen. So hat etwa Fakir Baykurt, der 1979 nach Deutschland kam und dort bis zu seinem Tod 1999 lebte, unermüdlich auf Seminaren, Lesungen und Workshops literarische Aufbauarbeit unter seinen Landsleuten geleistet; seine Arbeit wird heute vom Duisburger „Fakir Baykurt Literatur-Café“ fortgeführt und aus städtischen Mitteln unterstützt. Deutschlandweit bringen solche Schreibwerkstätten literarische Texte von MigrantInnen hervor, die zum Teil von Verlagen wie Anadolu oder Önel in Anthologien publiziert werden. Sind solche „kulturellen Inseln innerhalb Deutschlands“, wie Tayfun Demir sie bezeichnet, nun eine türkische „Parallelwelt“, vor der man sich fürchten müsste, oder sind sie nicht eher eine Bereicherung? Sie sind auf jeden Fall Letzteres!

In den 1980er Jahren etablierten sich einige Kleinverlage, die ebenso liebevoll wie ausdauernd türkische Literatur in Deutschland und Literatur von Türken in Deutschland verlegten: Dazu gehörten der Ararat Verlag (Stuttgart, später Berlin), die Berliner Express-Edition, der Frankfurter Dağyeli Verlag (heute in Berlin) und die Hamburger Verlage Rotbuch und Verlag am Galgenberg. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass zu der Zeit türkische Literatur in Deutschland nicht gerade in großer Fülle zu finden war. Bis dahin gab es insgesamt ca. 130 Übersetzungen aus dem Türkischen – und zwar seit dem 19. Jahrhundert! Dank des Engagements der Kleinverlage schnellte die Zahl der Übersetzungen aus dem Türkischen allein im Jahrzehnt 1980-1990 dann jedoch fast um die gleiche Anzahl nach oben. Mit dem allgemeinen Verlagssterben gingen diese Zahlen in den folgenden Jahrzehnten wieder etwas zurück. Für 2008, wenn die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse wird, dürften indessen neue Rekorde zu erhoffen sein.

II Schreiben, lesen, übersetzen in zwei Sprachen

Blicken wir aber trotzdem noch einmal auf die 1980er Jahre, so ist zu bemerken, dass der Boom türkischer Literatur in Deutschland neben der Verlagsarbeit auch der unermüdlichen Vermittlerarbeit türkischer Intellektueller in Deutschland zu verdanken ist. Yüksel Pazarkaya gilt als Kulturvermittler par excellence: Sein 1989 erstmals erschienener Band Rosen im Frost ist nach wie vor eine wertvolle Einführung in die türkische Kultur – übrigens nicht nur für die deutschen Leser. Natürlich ging es in erster Linie darum, türkische Kultur in Deutschland bekannt zu machen, denn in Deutschland neigte man gern dazu, diese nur mit „Gastarbeit“ (dass der „Gast arbeitet“, scheint allerdings eher zur deutschen Kultur zu gehören) oder „Kopftuch“ zu verbinden.

Waren es zuvor vor allem TurkologInnen und OrientalistInnen gewesen, die sich hier und dort über die türkische Literatur und Kultur geäußert hatten, so traten in den 1980er Jahren vermehrt die in Deutschland lebenden SchriftstellerInnen und ÜbersetzerInnen auf den Plan. Neben Pazarkaya, der u.a. Orhan Veli übersetzte, waren auch Kemal Kurt, Ümit Güney und Sezer Duru als ÜbersetzerInnen aktiv. In der zweiten Generation sind vor allem Zafer Şenocak, der Yunus Emre und etliche Divan-Dichter ins Deutsche übersetzte, und Nevfel Cumart, der die Gedichte von Fazıl Hüsnü Dağlarca ins Deutsche brachte, bemerkenswert. Mit ihren Übersetzungen und Essays brachten sie dem deutschen Publikum türkische Literatur näher. In Literaturzeitschriften wie Anadil oder Sirene waren die neuesten Texte aus der Türkei und Deutschland nebeneinander versammelt, die Texte waren quasi „miteinander im Gespräch“. In den frühen 1990er Jahren gab es da zum Beispiel Ausschnitte aus den Romanen eines jungen, hierzulande völlig unbekannten Istanbuler Autors namens Orhan Pamuk zu lesen... Wenn man bedenkt, dass die Türkische Republik im Ausland keinerlei Kulturinstitute unterhält, ist diese wertvolle Kulturarbeit türkischer AutorInnen und ihrer Verlage in Deutschland nicht hoch genug einzuschätzen.

Türkische AutorInnen in Deutschland waren aber vor allem schriftstellerisch kreativ. Die ersten auf Deutsch verfassten Texte türkischer bzw. nicht-deutscher Schriftsteller überhaupt erschienen seit den späten 1970er Jahren weitgehend in Anthologien: Der „Polynationale Literatur- und Kunstverein“ (PoLiKunst) gab Jahrbücher heraus; in der Bremer CON-Edition erschienen die Bände der Reihe „Südwind Gastarbeiterdeutsch“, verschiedene akademische Zeitschriften machten Sondernummern, und in München schufen die GermanistInnen Harald Weinrich und Irmgard Ackermann mit ihren Schreibwettbewerben und den daraus hervorgehenden Anthologien ein neues Forum. Allmählich begannen auch die LiteraturwissenschaftlerInnen, die auf Deutsch geschriebene Literatur nicht-deutscher AutorInnen wahrzunehmen; und ein besonderer Preis wurde ausgelobt: Der Erste, der diesen „Adelbert-von-Chamisso-Preis“ 1985 erhielt, war übrigens Aras Ören! Türken deutscher Sprache gab es viele, und eine der insgesamt vier von I. Ackermann im Deutschen Taschenbuch Verlag edierten Anthologien „nicht-deutscher Literatur“ war ausschließlich den Türken deutscher Sprache gewidmet.

Die beindruckend hohe Zahl literarisch aktiver Türken in Deutschland äußerte sich auch in dem bemerkenswerten Umstand, dass von Anfang an zwei Generationen schrieben, die sich abgesehen vom Alter auch hinsichtlich ihrer kulturellen „Herkunft“ unterschieden. Hatten Autoren wie Pazarkaya, Ören oder Baykurt in der Türkei die Schule besucht und entsprechend Zugang zur türkischen Literatur, so begegneten die Kinder der Deutschlandtürken deutscher Sprache und Literatur in der Schule in Deutschland. Während sie also ganz selbstverständlich in der zweiten Muttersprache Deutsch schrieben, war für die AutorInnen der ersten Generation der Bezug zur Literatursprache Deutsch sehr viel mühsamer herzustellen. Yüksel Pazarkayas Gedicht Deutsche Sprache, das er seiner zweiten, neu erlernten Literatursprache widmet, schildert das Verhältnis als eine ambivalente Liebe. Umgekehrt ist den in Deutschland aufgewachsenen DeutschtürkInnen der zweiten Generation das Türkische mitunter fremd, ihr „Hausgebrauchstürkisch“ reicht nicht für die Lektüre, so dass nicht Wenige die türkische Literatur in deutscher Übersetzung lesen. (Wie gut, dass es diese Übersetzungen gibt!) Die Figur des deutschlandtürkischen Germanistikprofessors, der mit seinem eigenen Vater zuhause mehr Deutsch als Türkisch spricht, wie Fatih Akın sie in seinem Film Auf der anderen Seite (D, 2007) liebevoll präsentiert, ist ein typisches Beispiel des Grenzgängers. Auch in der Literatur begegnet sich Deutsches und Türkisches. Bertolt Brecht ist in Levent Aktopraks Gedichten ebenso zuhause wie in Emine Sevgi Özdamars Romanen. Nâzım Hikmet, Franz Kafka, Paul Celan, Fazıl Hüsnü Dağlarca, Orhan Veli, Ingeborg Bachmann – wer ihre literarischen Spuren sucht, wird in der deutsch-türkischen Literatur häufig fündig. Diese Mischung macht ihren Reiz aus.

Vielen deutsch-türkischen AutorInnen gelang in den 1990er Jahren der Sprung in große deutsche Verlage, manche, wie beispielsweise Akif Pirinçci, wurden sogar Bestsellerautoren und für ihre Verlagshäuser zu einer Goldgrube. Heute jedenfalls sind ErzählerInnen wie Güney Dal und Emine Sevgi Özdamar, Selim Özdoğan und Feridun Zaimoğlu und andere bestens etabliert – ihre Nachnamen werden zwar eingedeutscht und hingebungsvoll falsch ausgesprochen, doch ihre Bücher werden verlegt und gelesen.

III Themen und Genres türkisch-deutscher Literatur

Die Literatur der Türken in Deutschland hat sich über vierzig Jahre hinweg entwickelt, professionalisiert und verändert. Schrieb man Anfang der 1980er noch Ankunftsliteratur, so entstand ein Jahrzehnt später eine rebellierende Kanaksta-Literatur, und mittlerweile scheint die Zeit der großen Migrationserzählungen angebrochen zu sein. Von den Anthologien und Kleinverlagen hat sich die türkischdeutsche Literatur in die etablierten Verlage hineinbegeben, und die Zahl türkischer AutorInnen geht über drei Dutzend locker hinaus.

Themen der ersten Stunde waren die Migration, die Sehnsucht nach der Heimat und die Ankunft in Deutschland. Der Ton dieser Ankunftsliteratur war häufig betroffen („Betroffenheitsliteratur“ war ein typisches Genre der 1970er Jahre), ihre häufigsten Motive Bahnhof und Koffer, ihr beliebtestes Genre die Lyrik. Ein gutes Beispiel dafür ist Aras Örens nachdenkliches Gedicht Plastikkoffer, das Unterwegssein reflektiert: Was der Migrant auch packt, er wird immer etwas vergessen oder vermissen. Andererseits begründete etwa Şinasi Dikmen als Autor der ersten Generation mit seinen Migrationssatiren ein Genre literarischer Gegenwehr, das statt auf Betroffenheit auf satirischen Angriff setzte. Solche literarische Gesellschaftskritik hatte auch im Kabarett Erfolg. Osman Engin wiederum bevorzugt die Humoreske, eine harmlosere Variante, bei der man heiter über die deutsch-türkischen Verwicklungen lachen kann; sein Don Osman wurde zum Dauerbrenner im Bremer Radio und hat, ebenso wie Dikmens und Muhsin Omurcas legendäres Knobi Bonbon Kabarett, zahlreiche Kabarettisten neuerer Couleur inspiriert. Mittlerweile hat sich ein neues Genre türkischer Comedy weithin etabliert und auch das Fernsehen erobert, wo die Inhalte gefälliger und seichter werden, oder auch nur mehrheitsfähiger. Oder ist das der Ton einer neuen Generation? Die Söhne der ehemaligen Gastarbeiter arbeiten selbst nicht mehr so schwer, wissen wie der deutsch-türkische Hase läuft und gönnen sich die coole Pose.

Andere wählen die Poesie zum literarischen Ort tiefer Gefühle. Das anfangs größte Genre türkischdeutscher Literatur war sicherlich die Lyrik. Jeder schrieb Gedichte, weshalb es auch eine beachtliche Zahl türkischer Lyriker deutscher (und türkischer) Sprache gibt: Aras Ören, Yüksel Pazarkaya, Habib Bektaş, und in der zweiten Generation Zehra Çırak, Zafer Şenocak, Nevfel Cumart, Gülbahar Kültür, um nur einige von Vielen zu nennen. Bedauerlicherweise hat die Lyrik in Deutschland insgesamt kaum Konjunktur, und kaum ein Verlag wagt es, die Gedichte von Autoren mit türkischem Nachnamen herauszubringen. Die meisten Publikationen erscheinen daher in Kleinverlagen.

Ein anderes Genre, das sich mit der Zeit immer mehr herausgebildet hat und gewissermaßen gut zu Deutschland passt, sind die Märchen. Mag es daran liegen, dass Deutschland das Land der berühmten Märchen-Brüder Grimm ist, oder dass die Migranten selbst Kinder bekamen, denen sie ihre eigenen Geschichten erzählen wollten, seit Ende der 1980er Jahre schreiben auch die Türken (wie zuvor schon die Araber, z.B. Rafik Schami; oder auch die Griechen, z.B. Eleni Torossi) Märchen, Kinderbücher, und öfters auch Tiergeschichten. Kemal Kurt (1947-2002) war wohl der Autor, der am häufigsten seine Phantasie für die Kinder spielen ließ. Außer Kinderbüchern schrieb er auch Hörspiele und Geschichten für den Hörfunk, sowie Drehbücher für das deutsche Kinderfernsehen. Oft geht es in den Märchen auch um Tiere. Die wohl berühmtesten Tiergeschichten aus türkischer Hand in Deutschland sind jedoch Akif Pirinçcis Katzenkrimis. Seine Felidae-Romane sind inzwischen Kult. Was beweist, dass man es auch mit einem verhältnismäßig ‚komplizierten‘ türkischen Namen zu literarischem Erfolg in Deutschland bringen kann.

IV Türkischdeutsche Literatur: Von der Poesie zur Prosa

Ebenfalls großen Erfolg feierte Feridun Zaimoğlu, der mit seinen Kanak-Sprak-Büchern, in denen er junge TürkInnen vom Rande der Gesellschaft in einer brillanten Kunstsprache im turcodeutschen (eher sogar turbodeutschen) Rapper-Jargon vom Leder ziehen ließ, Mitte der 1990er Jahre Furore machte. Mittlerweile gilt das ehemalige enfant terrible der türkischdeutschen Literaturszene als deutscher Schriftsteller, dem man auch gleich das yumuşak ğ aus dem Nachnamen wegkürzte. Mit Leyla legte er 2006 eine vielbeachtete Migrationssaga vor.

1991 hatte bereits Emine Sevgi Özdamar einen vielbeachteten Migrationsroman geschrieben und damit ebenfalls den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen: Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus – ein Titel, der genauso lang und schwankend daherkam wie eine Karawane. Orientalische Exotik meinten die deutschen Leser in dieser Geschichte eines jungen Mädchens zu finden, das in Anatolien aufwächst und später nach Deutschland geht. Fasziniert war man von Özdamars Technik, türkische Redensarten direkt ins Deutsche zu bringen und somit viel türkischen, das heißt für deutsche Leser unverständlichen und damit ungeheuer exotischen Flair zu verbreiten. Özdamar, die mittlerweile eine ganze Berlin-Istanbul-Trilogie geschrieben hat, gilt heute als eine der wichtigsten türkischen Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Bedauerlicherweise entbrannte zwischen beiden Autoren, Özdamar und Zaimoğlu, ein Streit um die Motivgeschichte ihrer beiden Hauptromane, ein Plagiatsstreit, der im Frühjahr 2006 vom deutschen Feuilleton genüsslich als „Türkenkrieg“ goutiert wurde – kein Kompliment für die deutsche Kritik, die sich ohnehin oft genug schwer tut, Romane türkischer Autoren in Deutschland wahrzunehmen, oder auch nur zu verstehen. So wurde etwa Zafer Şenocaks Wenderoman Gefährliche Verwandtschaft (1998), in der es um die Verknüpfung deutscher, jüdischer und türkischer Geschichte geht, nahezu völlig übersehen. Im Gegensatz dazu hält die Germanistik, und besonders die Auslandsgermanistik, diesen Roman für einen der wichtigsten Texte der türkischdeutschen Literatur. Und auch Şenocaks Berliner Kollegen Aras Ören und Güney Dal kommen nie, so scheint es, in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung an, was nicht nur daran liegen kann, dass sie auf Türkisch schreiben und ins Deutsche übersetzt werden.

Dass Türken in Deutschland längst schon zu Romanciers wurden, die die deutsche Zeitgeschichte, die Zeit vor und nach der Wiedervereinigung und die Zeit der 1968er Jahre kritisch kommentieren, hat sich bei deutschen LiteraturwissenschaftlerInnen und KritikerInnen noch nicht besonders herumgesprochen. (Eine löbliche Ausnahme, das sei hier in Klammern bemerkt, bildet allerdings die jüngste Einführung in die interkulturelle Literatur des Paderborner Germanisten Michael Hofmann, in der es ein eigenes Kapitel zur deutsch-türkischen Literatur gibt. Jenseits des Atlantik wurde die amerikanische Germanistik bereits viel früher auf die schreibenden TürkInnen aufmerksam).

Waren es anfangs eher kurze Prosaformen, hauptsächlich also Erzählungen, so liegt vierzig Jahre nach den Anfängen von fast jedem türkischdeutschen Autor mindestens ein Roman vor. Manche der AutorInnen sind ausschließlich Romanciers, wie etwa Güney Dal oder Akif Pirinçci. Auch Aras Ören scheint sich zugunsten großer, umfassender Berlin-Romane von der Lyrik verabschiedet zu haben. Seine Romane der Reihe Suche nach der verlorenen Zeit stehen in der Tradition von Proust – doch kaum jemand traut türkischen AutorInnen diesen Bezug zur Moderne zu!

Neuerdings melden sich junge Deutschtürkinnen zu Wort, die entweder auf klagende Weise über ihre Misshandlung durch türkische Männer berichten (ihre Frontfrau ist Necla Kelek, die so wie einige Jahre zuvor schon Saliha Scheinhardt in dramatischer Form auf die Unterdrückung von Türkinnen hinweist), oder es sind Journalistinnen wie z. B. Hatice Akyün, Iris Alanyalı, Dilek Güngör und Aslı Sevindim, die ihre heiteren Geschichten über das deutsch-türkische Miteinander erzählen. Ganz ohne Blut und Drama prägen sie auf betont harmlose Weise das Bild der türkischen Normalität in Deutschland.

Reflektierter geht es da in den Essays zu, die ebenfalls eine beliebte Gattung unter türkischen Intellektuellen sind: Zafer Şenocak ist hier sicherlich der wichtigste Essayist, der seit fast zwei Jahrzehnten den deutsch-türkischen Diskurs durch unzählige Zeitungsartikel geprägt hat. Aber auch Kemal Kurt (seinerzeit), Feridun Zaimoğlu oder Hilal Sezgin melden sich immer wieder zu Wort, wenn es darum geht, deutsch-türkische Standpunkte zu formulieren.

Ein so kurzer Überblick über Prosa türkischer AutorInnen in Deutschland zeigt vor allem eines: Romane und Erzählungen sind mittlerweile die beliebtesten Gattungen, und fast mit jedem neuen Verlagsprogramm betritt ein neuer türkischdeutscher Autor die Bühne. Türkischdeutsche Prosa ist vielfältig, unterschiedlich und vor allem eines: auf dem Vormarsch.

V Türkischdeutsche Literatur: Ein ganzes Jahr reicht nicht aus, um alles zu lesen!

Lyrik, Essays, Prosa, diese rein ‚literarischen‘ (man könnte sagen: zwischen zwei Buchdeckel gepressten) Gattungen dominieren das Bild türkischdeutscher Literatur – und doch wäre es vermessen, nur die Printprodukte des Buchmarktes zu erwähnen. Unzählige Stücke für das Theater oder das Kabarett wurden mittlerweile von „Türken deutscher Sprache“ geschrieben, angefangen bei Şinasi Dikmen oder Sedat Pamuk, den ersten türkischen Kabarettisten, oder Emine Sevgi Özdamar, die bei Benno Besson Assistentin war und neben ihrer Regiearbeit auch schauspielert oder die Produktionen des Arkadaş Tiyatrosus und zahlreicher anderer Ensembles. Wer heute Bühnenprogramme in Deutschland auf türkische Nachnamen hin durchschaut, wird immer öfter fündig. Auch Drehbücher für Fernsehen, Film und Hörfunk stammen zunehmend aus türkischer Feder, seien es Adaptionen der Kati Hirschel-Krimis von Esmahan Aykol für das Hörspiel, seien es Vorabendproduktionen wie Türkisch für Anfänger für das Fernsehen. Auch hier haben sich türkischdeutsche Skriptschreiber längst etabliert.

Eine ganz eigene Betrachtung wäre auch der türkische Film in Deutschland wert, der in den 1980ern mit Tevfik Başer auf sich aufmerksam machte und heute mit seinem Starregisseur Fatih Akın Erfolge feiert. Auch hier gibt es bemerkenswerte Beziehungen zwischen Film und Literatur: Başer verfilmte Saliha Scheinhardt, Selim Özdoğan schrieb für Fatih Akıns Film den Roman... Und ganz die Finger lassen wir gegen Ende dieser sehr komprimierten Einleitung auch von den Musikern, sonst wären auch noch einige Abschnitte über die Verschränkungen von Musik und Literatur fällig! Für die WissenschaftlerInnen, die GermanistInnen, TurkologInnen, EthnologInnen, MusikwissenschaftlerInnen, KulturwissenschaftlerInnen, MigrationsforscherInnen indessen eröffnet sich hier ein weites Feld: Ausgehend von der türkischdeutschen Literatur lässt sich in alle ihre Bereiche munter hineinforschen. Sie sollten allerdings nicht wie Fatih Akıns Filmfigur die Professur einfach an den Nagel hängen, um nach Istanbul zu gehen, denn hierzulande gibt es viel zu tun!

Die LiteraturkritikerInnen schwärmen in diesem Zusammenhang gerne vom „faszinierenden, schillernden, orientalischen Teppich“, den die Literaten da vor uns ausbreiten. Nun denn, nehmen wir den Faden auf! Man kann nicht genug lesen. Zu gemütlich sollten wir es uns auf dem literarischen Kilim allerdings nicht machen: Denn 2008, wenn die Türkei Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein wird, sind jede Menge neuer Teppiche, pardon, Titel zu erwarten!

München, im Oktober 2007

Zur Autorin:

Karin E. Yeşilada ist deutsch-türkische Literaturwissenschaftlerin und Rundfunk-Kritikerin. Sie lehrt an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und macht regelmäßige Buchtipps für den WDR-Sender Funkhaus Europa.

www.funkhauseuropa.de

Kontakt: kyesilada@gmx.de