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Terra incognita – Türkische Literatur in Deutschland

Einige Anmerkungen zu einer schwierigen Rezeptionsgeschichte

von Zafer Şenocak

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Türkische Literatur lange Zeit Terra incognita in Deutschland. Übersetzungen aus dem Türkischen erzielten keine hohen Auflagen und fristeten ein Nischendasein. Nach der Gründung der türkischen Republik hatte es in den Zwanziger Jahren eine Phase gegeben, in der es schon einmal so etwas wie eine „Türkische Bibliothek“ gab. Zeitgenössische türkische Autoren wie Halide Edip und Yakup Kadri wurden in dieser Buchreihe in preiswerten Ausgaben dem deutschen Leser vorgestellt. Aber auch Bücher, die von der neuen modernen türkischen Gesellschaft handelten wurden verlegt. Die junge Republik mit ihrem Staatsgründer und Reformer Mustafa Kemal erregte die Neugier. Die radikalen sozialen und kulturellen Reformen und die Hinwendung zum Westen waren durchaus ein Thema. Auch die Erinnerung an den Bündnispartner aus dem Ersten Weltkrieg war noch frisch. Ein Eisenbahnprojekt der Berlin mit Bagdad verbinden sollte erregte nicht nur technologisch Aufsehen, es hatte auch eine kulturelle Dimension, die heute längst vergessen ist. Nach Deutschland kamen bereits vor dem Ersten Weltkrieg zahlreiche türkische Studenten. In der Türkei arbeiteten deutsche Ingenieure, Kaufleute und Militärs. Man begann sich gegenseitig wahrzunehmen.

Das literarische Interesse an der Türkei war vor allem der Arbeit von Turkologen wie Otto Spies zu verdanken, obwohl die Turkologie in der großen Tradition der Orientalistik eher ein Randdasein fristete.

Dann aber folgte eine lange Zeit der Nichtbeachtung bedingt durch den Zivilisationsbruch der Nazis und die Teilung Deutschlands, die auch zwei unterschiedliche Rezeptionen hervor brachte. In der DDR erschienen einige hochwertige Lyrikübersetzungen von weltweit bekannten Dichtern wie Nazım Hikmet und Fazıl Hüsnü Dağlarca. In der Bundesrepublik gab es eigentlich nur einen Schriftsteller, der einen hohen Bekanntheitsgrad erreichte, Yaşar Kemal, auch dank der hervorragenden Übersetzungen von Cornelius Bischoff und Helga Dağyeli-Bohne und Yıldırım Dağyeli.

Die meisten Übersetzungen aus dem Türkischen transportierten das Bild eines rückständigen Landes am Rande Europas. Der sozial engagierte Roman stand im Vordergrund. Das anatolische Landleben zog die Leserschaft mehr an, als die kosmopolitische Atmosphäre Istanbuls. Deshalb wurden Bücher von Autoren wie Fakir Baykurt und Orhan Kemal übersetzt, beide Vertreter des Türkischen Realismus, nicht aber der große Erzähler Sait Faik, der in impressionistischer Manier, Geschichten aus der Weltstadt Istanbul erzählte.

Die Fremdheit der Türkei war das herrschende Leitmotiv. Die Transformation in den Großstädten der Türkei und die Modernisierungsprozesse im Land blieben im Schatten althergebrachter Orientbilder. Dem berechtigten Interesse mehr über Land und Menschen zu erfahren, stand der Hunger nach Exotismus und Folklore entgegen, der ästhetische Maßstäbe verwischte.  Das Fremde an der Türkei bediente die Bedürfnisse der eigenen Phantasie.

Erst in Folge der Arbeitsmigration nach Deutschland und durch das Engagement von in Deutschland lebenden türkischen Autoren wie Yüksel Pazarkaya kam es ab den Siebziger Jahren wieder vermehrt zu Veröffentlichungen aus der türkischen Literatur. Der von Yüksel Pazarkaya veröffentlichte Essayband, Rosen im Frost, ein Überblick türkischer Literatur und Kultur, ist das einzige Buch seiner Art geblieben. Eine türkische Literaturgeschichte sucht man nach wie vor vergebens. Wer sich über türkische Literatur informieren möchte, muss sich seine Informationen aus  verschiedenen Nachschlagewerken zusammensuchen.

März 1986 stellt nach wie vor einen Meilenstein in der Wahrnehmung der türkischen Literatur in Deutschland dar. Zum ersten Mal stand eine Übersetzung aus der Türkei auf Platz 1 der SWF-Bestenliste. Die deutsche Kritik würdigte das Werk des Lyrikers Orhan Veli Kanık, einem herausragenden Erneuerer der türkischen Lyrik. Garip/Fremdartig war der Titel des zweisprachigen Buches das kurz zuvor in einem kleinen Verlag erschienen war, der sich auf türkische Literatur spezialisiert hatte. Es handelte sich um den Dağyeli Verlag in Frankfurt am Main, wohl dem bislang ambitioniertesten Projekt, türkische Literatur in Deutschland über die Nischen hinaus bekannter zu machen. Nicht mehr Informationsgehalt und die soziale Mission sollten bei der Auswahl der Titel entscheiden, sondern allein die literarische Qualität. In den Neunziger Jahren geriet der Verlag in ökonomische Schwierigkeiten, aber noch heute lassen sich in seinem Programm Leckerbissen finden, wie beispielsweise die Übersetzung der Gedichte von Behçet Necatigil, einem der bedeutendsten Lyriker des Zwanzigsten Jahrhunderts, der mit Günter Eich befreundet gewesen war.

Die türkische Einwanderung nach Deutschland war aber nicht nur ein Katalysator für die Wahrnehmung, sie sorgte auch für ein schiefes Türkeibild in den Köpfen. Die meisten Einwanderer kamen aus ländlichen, rückständigen Regionen des Landes. Ihre Präsenz in Deutschland überlagerte das Interesse an der Literatur aus der Türkei, bestimmte oft die Auswahl der Themen und die Perspektive. Soziale Themen standen im Vordergrund. Das Motiv der Fremdheit wurde zusätzlich verstärkt. Die Literatur pädagogisch instrumentalisiert.

Die Rezeption der türkischen Literatur wird teilweise heute noch vom Informationsdefizit des an der Türkei interessierten deutschen Publikums geleitet. Selten liest man ein türkisches Buch einfach so zum Vergnügen. Soziale Unruhen und Konflikte, politische Ereignisse, sowie politische Prozesse gegen Schriftsteller werden von den Medien aufgegriffen und können die Leserschaft vergrößern. Ohne diese Begleiterscheinungen erreichen Bücher aus der Türkei selten hohe Auflagen.

Vermittlung von fremder Literatur basiert zumeist auf den Bildern, die die Wirklichkeit des Fremden in die eigene Welt transformieren. Die Entdeckung der türkischen Literatur als eine der großen europäischen Literaturen dürfte inzwischen in Gang gekommen sein. Nicht zuletzt wird die Präsentation als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse Oktober 2008, einen weiteren Schub bringen. Zahlreiche Bücher aus dem Türkischen tauchen in den Prospekten der deutschen Verlage auf. Schon in den letzten Jahren wurden immer mehr türkische Bücher ins Deutsche übersetzt, im Schweizer Unionsverlag wurde, mit Unterstützung der Bosch Stiftung eine türkische Bibliothek eingerichtet.

Lange Zeit verhinderte ein verfremdeter Blick auf die Türkei die Rezeption. Gesucht wurden vor allem exotische Szenarien, das Fremde, das Geheimnisvolle, ein Orient, den es zumindest in der Türkei so nicht mehr gibt. Die moderne Türkische Literatur ist vielfältig und polyphon. Sie hat sich längst Großstadtthemen ebenso geöffnet, wie formalen Experimenten, den Genres wie Kriminalliteratur und den sich rasch verändernden Geschlechterbeziehungen.

Jüngere türkische Autoren stellen sich aber durchaus auch der Tradition. Ein frischer, spielerischer Blick auf das reiche Erbe der Osmanischen Zeit bringt viele Werke hervor, die auf kreative Art und Weise den Modernisierungsweg einer, muslimisch geprägten, inzwischen aber weitgehend säkularisierten, Kultur beschreiben. Symptomatisch für diese Entwicklung ist der Erfolg des türkischen Romans, der in den letzten Jahrzehnten das traditionelle Genre der Lyrik an Bedeutung überholt hat. Dabei fällt auch die große Zahl der Schriftstellerinnen auf, die die türkische Prosasprache seit den frühen Sechziger Jahren revolutioniert haben. Die breite Rezeption dieser Autorinnen steht in Deutschland noch aus, auch wenn einige ihrer Werke bereits übersetzt sind oder in Kürze erscheinen werden. Ob sie auch beim Publikum ankommen werden, bleibt eine offene Frage.

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