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Einwanderer aus der Türkei in Europa

Erfahrungen und Erinnerungen im Spiegel der Literatur¹

von Prof. Dr. Ali Gitmez

Im Oktober 1961 traf die Türkei eine formelle Übereinkunft mit der Bundesrepublik, um Arbeitskräfte nach Deutschland zu entsenden. Was 1961 in kleinem Umfang begann, wuchs nach Abschluss ähnlicher Vereinbarungen mit Österreich, Belgien, den Niederlanden, Frankreich und Schweden zu einer bedeutenden Bewegung an. Zwischen 1961 und 1975 wurden mehr als 800.000 türkische Arbeiter offiziell nach Westeuropa entsandt, zusätzlich reiste eine große Zahl von Arbeitern als Touristen ein und nahm illegal eine Beschäftigung auf.

Die Anfangsjahre der Auswanderung waren durch widersprüchliche Erwartungen und Befürchtungen geprägt, da dies die erste Massenmigration in der türkischen Geschichte war. Das galt vor allem für die Armen aus bäuerlichen Regionen, von denen viele zuvor noch nicht einmal ihr Dorf oder ihre Provinz verlassen hatten. Für die Mehrheit der Migranten war die Reise nach Norden eine große Herausforderung, ein Abenteuer, für das es kein Vorbild gab, an dem man sich hätte orientieren können. Es war ein Abenteuer, getragen von der Hoffnung, das zukünftige wirtschaftliche Überleben zu sichern.

Das vollständige Ausmaß dieser frühen Erfahrung ist bislang noch nicht ausreichend historisch dokumentiert und rekonstruiert worden. Aber die Erfahrungen der Migration sind durch zeitgenössische Schriftsteller und Dichter der 1960er und 1970er Jahre abgebildet worden. Der folgende Beitrag beruht auf einem ausschnitthaften Gebrauch dieser Literatur, um einen Teil der Erfahrungswelt von Migranten im Spiegel der Belletristik und Lyrik zu veranschaulichen. Einer Literatur-Collage vergleichbar sollen die Erfahrungen der Migration gespiegelt und zum Sprechen gebracht werden.

An den Toren fremder Länder

„Was will Niyazi in der Naunynstraße?“ Diese Frage wird in der „Berlin Trilogie“ von Aras Ören aufgeworfen, einem bekannten türkischen Dichter, der in Berlin lebt. Niyazi gibt auf diese Frage eine sehr klare Antwort: Es geht um Brot und schließlich auch um Wohlstand:2

Als das mit Deutschland aufkam,
sagte ich mir,
so wie jedermann, ich auch:
Deutschland ist ein kleines Amerika.
Gehst Du dorthin, Niyazi,
lebst du dort wie die Reichen von Bebek.
Denn die Armen
können nur in Amerika — oder in Deutschland
leben wie ein Amerikaner. Während
das in unseren Ländern
nur eine Sache der Reichen ist.
Und nur wenn man wie ein Amerikaner lebt
kann der Mensch sagen, ich habe gelebt.3

Was will Niyazi in der Naunynstraße? Er hat in Berlin etwas zu tun. Er ist dort, weil er ein Einkommen erzielt, „als wenn er in Bebek wäre“4. Dies gilt für viele andere Einwanderer aus der Türkei auch. Was sollen sie in den namenlosen Straßen einer Türkei, in der sie keine Arbeit finden können? Sie werden mit Sicherheit in Berlin bleiben, weil sie keine andere Wahl haben. Offenbar sind Niyazi und viele andere als Folge von Armut, Arbeitslosigkeit, Rückständigkeit oder des wirtschaftlichen Gefälles im eigenen Land ohne Zukunft, die Naunynstraße steht so für einen Ausweg.

Diese Aussichtslosigkeit traf auf Hunderttausende zu. Es mag die ultimative Folge von Rückständigkeit und Armut gewesen sein, die das Schicksal für sie bestimmt hat. Aber vielleicht war es auch nicht so? Es war bestimmt nicht so! Zumindest sagt Fazil Hüsnü Dağlarca, „es ist nicht so“. In seinem bislang unveröffentlichtes5 Gedicht „Unsre Müllmänner in Deutschland“ sieht Dağlarca Armut nicht als Schicksal:

Auf der Stirn kein Zeichen des Schicksals,
sondern eines der Hand.
Wir können es nicht entziffern,
können es nicht gewaltsam entfernen.
Wir, denen nicht einmal
die Segnung einfachster Schulbildung zuteil wurde,
wir, die glücklosen Untertanen schmutziger Herrscher,
wir fegen die Straßen fremder Länder,
beschmutztes Herz mit schmutziger Hand.
(...)
Warum sollten wir bleiben?
Wegen tausend D-Mark im Monat?
Verbreiten wir uns über die ganze Welt
von Anatolien bis zum Land des Adlers!
Die Herrschaften werden erwachen
aus ihrem goldenen Schlaf Lasst uns ihre Straßen säubern,
nicht beschämt durch die blutrote Sonne,
beschmutztes Herz mit schmutziger Hand.

Die Emigration von Arbeitskräften in den Westen war keine Frage des Schicksals, aber doch ein unvermeidliches Glied in der langen Kette des Niedergangs, der in der fernen Vergangenheit anfing. Die Emigration war der Hoffnungsschimmer für die Bewohner Anatoliens. Sie wurde als Rettung aus den Nöten der Zeit und vor den Folgen einer verfehlten Politik gesehen. Dieser Prozess hat die Menschen Anatoliens entwurzelt und sie dazu verurteilt, fern von zu Hause zu leben und als Fremde in einem fremden Land zu arbeiten.

Die Beobachtung, dass die Arbeitsmigration in den Westen ein Kampf um die Deutsche Mark war, ein Kampf ums wirtschaftliche Überleben, schien historische Analogien zu rechtfertigen. Der Dichter Nevzat Üstün betont die Ähnlichkeit dieser Emigration mit der historischen Wanderung der Turkvölker zur Zeit der Völkerwanderung. Er wählt für seine Erzählung den bemerkenswerten Titel „Türkische Stämme setzen sich in Bewegung und wandern aus“:

Ja, genau wie vor tausend Jahren,
wenn auch auf andere Art und Weise,
ist es auch heute.
Fast eine Million Menschen sind unterwegs,
diesmal ohne Waffen, ohne Pferde.
Eine weitere Million steht bereit.
Dies ist die Völkerwanderung unserer Zeit.
Sie sind unterwegs,
mit Taschen voller Lebensmittel,
einigen Dosen Olivenöl,
und Bergen getrockneter Bohnen.6

Doch die heutige Wanderungsbewegung hat nicht nur historische, sondern auch gesellschaftliche Implikationen. Es scheint, als ob auch die gegenwärtige Migration einen erheblichen sozialen Wandel zur Folge haben kann. Es ist eine schwache, aber entschiedene soziale Bewegung.

Menschen verlassen die Heimat, in der sie geboren wurden; sie ziehen in ein fremdes Land, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie ziehen fort in eine unbekannte Zukunft. Diese Bewegung setzte in den 1960er Jahren ein, zu einem Zeitpunkt also, als sich das soziale Leben in der Türkei drastisch zu wandeln begann. Migration und sozialer Wandel ereigneten sich gleichzeitig und bedingten einander.

Die türkische Literatur beschreibt den Zustand des türkischen Arbeiters, der sich verändert und ein Bewusstsein seiner eigenen Situation erwirbt. Der Schriftsteller Bekir Yildiz beschreibt seine eigenen Erfahrungen als Arbeiter als einen Prozess in mehreren Stufen. Die Anfangsjahre schildert er als einen Zeitraum der Bewunderung ohne Bewusstsein für die Dinge. Der Arbeiter ist in dieser Zeit bereit, sich erniedrigen zu lassen und herumgestoßen zu werden; er glaubt, dass er keinen Wert habe, dass er ein Niemand sei. Das zweite Stadium ist ein Zeitraum der Selbstfindung und aktiver Gestaltung; der Arbeiter beginnt Ärger, Groll und Hass gegen die Gesellschaft, in der er lebt, zu verspüren. Diesen Zeitraum illustriert Bekir Yıldız mit einem Ausschnitt aus dem Leben, der originell und in einem meisterhaften literarischen Sinn reflektiert ist:

Es gab Reis zu Mittag. Man konnte es kaum Reis nennen; es war ein weißer Haufen von irgendetwas. Ich sagte zu dem Deutschen, mit dem ich jahrelang Seite an Seite gearbeitet hatte: „Wenn Du eines Tages in die Türkei kommst, werde ich meine Mutter bitten, Reis für Dich zu kochen. Dann wirst Du sehen, was ordentlicher Reis ist. Ihr baut die besten Maschinen der Welt, aber Ihr esst keinen ordentlichen Reis, Ihr esst einfach irgendeinen Haufen Reis“. Der Deutsche wurde furchtbar wütend. „Meine Mutter kocht auch ordentlichen Reis“ sagte er. Ich zahlte ihm meine Wut heim. Er rannte zu den Maschinen, ich hinter ihm her, schrie ihn an: „Du elender Hund, Du verdammter Idiot; es ist nur Reis, einfach nur Reis. Gibt es nicht eine einzige Sache auf der Welt, die auch wir gut können, von der wir sagen können, wir beherrschen sie?“ 7

In der türkischen Migrationsliteratur lassen sich fünf Personenkreise unterscheiden: Zunächst jene, die angeworben werden und auch gehen, zweitens diejenigen, die zurückgelassen werden oder zurückbleiben, drittens die im Ausland Lebenden und viertens diejenigen, die dort geboren werden und aufwachsen. Schließlich finden auch noch die Rückkehrer Beachtung, die hier aber nicht weiter behandelt werden sollen.

Die Angeworbenen

Als Erste gingen die Städter, die gut Ausgebildeten aus dem Westen des Landes. Ihr Fortgehen erzeugte kaum ein Echo, es schien wie eine Erweiterung der Migration nach Istanbul und Adana in den 1950er Jahren. Die Literatur beschäftigte sich nicht weiter mit dieser Gruppe von Menschen, es gibt kaum ein literarisches Werk aus diesem Zeitraum. Dann verbreitete sich die Anwerbung auch im Rest Anatoliens, die anatolischen Bauern hatten ihren Anteil an der zunehmenden Migration. Gleichzeitig fand das Thema auch Eingang in die Literatur.

Das Dorf Beydiyar in Abbas Sayars Erzählung erreichen die Neuigkeiten recht spät. Wie ist es, ein „Gastarbeiter“ in Deutschland zu sein? Die Einwohner von Beydiyar wissen selbst nichts darüber. Was sie zu hören bekommen, sind Lobeshymnen über Deutschland. Erst jetzt erfahren sie, dass man Grenzen überschreiten kann, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Im Vergleich zu anderen Dörfern beginnt man in Beydiyar sehr spät, nach Deutschland zu gehen und dort seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Jene, die für die Anwerbung in die nächst gelegene Stadt gegangen waren, erzählten verwirrende Geschichten:

Das erste Wort, das im Dorf wie ein Lauffeuer umlief und in den Ohren klang, hieß: „Reisepass“. Was war ein „Reisepass“? Ein halbes Dutzend Leute war in Mekka gewesen. Sie nannten es das »Regierungsdokument zu den heiligen Stätten in Mekka. “Sie sagten, solch ein Dokument gebe es nur zu diesem Zweck.8

Die Nachrichten über Deutschland als Einwanderungsland erreichten die anatolischen Bauern insgesamt erst recht spät, aber auch dann konnten sie nicht so schnell fortgehen. Selbst die Arbeiter in den Städten mussten drei bis fünf Monate auf einer Warteliste ausharren, bevor sie an die Reihe kamen. Auf diesen Wartelisten gab es aber keine Dorfbewohner; die Bauern waren verstimmt, da ihnen auch diese Gelegenheit unter den Händen zu entgleiten schien. Wie gewöhnlich war der Staat auch hier auf der Seite der Stadtbewohner. Der Staat schickte qualifizierte Arbeiter, die Arbeitslosen und die armen anatolischen Bauern wurden zurückgehalten. Aber es fand sich ein Weg: Die Bauern gingen als Touristen und wurden dann zu illegalen Arbeitern. Antragsformulare erhielt man von jenen, die früher gegangen waren. Sie nutzen ihre gemeinsamen Nachnamen, um nahe Verwandte besuchen zu können. Später wurden dann „Dorf-Entwick lungsgenossenschaften“ gegründet. Diesen Genossenschaften wurden vom Staat Auswanderungskontingente zugestanden, die genutzt wurden, um das Land zu verlassen. Insbesondere die Genossenschaften ermöglichten das Entkommen und wurden damit zu Hoffnungsträgern.

Lasst uns eine Genossenschaft gründen! Dann erhalten wir vom Ministerium ein Auswanderungskontingent für Deutschland. Von solch einer Chance können wir und das Dorf wirtschaftlich profitieren. Wir werden eine Fabrik errichten. Nicht dass eine Fabrik eine großartige Sache wäre, aber wir malten es uns in unserer Fantasie so aus. Man muss eine Genossenschaft gründen, eine Dorfentwicklungsgenossenschaft. Es ist eine Wohltat der Regierung für unser armes Dorf. Mit Wohltat meine ich, dass sie uns durch ihre Unterstützung aus der Untätigkeit erlöst. Man geht und fragt nach (…). Für mich ist es so oder so in Ordnung (…). Mein Platz auf der Warteliste ist weit vorn. Ich möchte etwas zum Wohl des Dorfes erreichen. Wir sind auf jeden warmen Ofen im Dorf stolz.9

So begannen die Bauern, Anatolien zu verlassen, die Auswanderung nahm ihren Lauf. Die Armen aus Anatolien schlupften durch die halb offene Tür nach Europa. Zuerst verließen die Wendigen, die Hoffnungslosen und die Armen die ländlichen Gebiete. Aber auch diejenigen, die Innovationen im Land einführten, gehörten zu den ersten, die gingen — wie Aliesker, der „Gastarbeiter“ in Deutschland, von dem Tarık Dursun K. erzählt. Die Fortgegangenen blieben nicht untätig. Sie stellten Anträge auf Auswanderung für die Zurückgebliebenen, sie fanden an den Orten, an denen sie sich selbst befanden, für die anderen Arbeit und Unterkunft. Es war eine Kettenreaktion. Einer half dem anderen, nach Deutschland zu kommen. Dörfer und Städte wurden verwaist zurückgelassen, so wie das von Tarık Dursun K. beschriebene, fiktionale Land.

Was sie hörten war, dass es in Deutschland Arbeit gebe. Alle verkauften ihre Schafe, ihr Land, ihre Geräte. Was nicht verkauft werden konnte, ließ man einfach zurück, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie gingen einfach weg. Es blieb keine Zeit, um zu sagen: „Schau, warte einen Augenblick.“ Mit dem ersten Treck machten sich ungefähr einhundert Leute auf den Weg nach Deutschland. Wenn man sie nur gelassen hätte, wäre das ganze Dorf Kayabaşı ausgewandert. Jene, die gingen, schrieben euphorische Briefe an die Zurückgebliebenen.: „Verschwendet keine Zeit! Kommt schnell! Es gibt hier Arbeit, und viel Geld.“ Sie schickten Geld, sie schickten Fahrkarten. Jetzt war es an der Zeit, zu gehen. Man konnte die Auswanderungswilligen nicht bremsen.10

Diese Spontaneität hielt jedoch nicht lang an. Die Situation wurde untragbar, ein Schlussstrich musste gezogen werden; es war nicht akzeptabel, dass jeder, der wollte, nach Deutschland gehen konnte. Denn es war nicht mehr schwierig, durch das Tor in die Fremde zu entweichen. Die Lösung des Westens bestand schließlich darin, die Qualifizierten und körperlich Leistungsfähigen auszuwählen. Die Auswanderung wurde schwieriger, die Zugangstore in andere Länder wurden enger. Jetzt wurden Wartelisten und Warteschlangen gebildet, der Westen nahm nur noch jene Arbeiter, die er wollte. Gute Gesundheit und ein starker Körper wurden zur ersten Voraussetzung. Damit der Deutsche die Lippen zu einem „Ja“ bewegt, ist es — wie Bekir Yıldız beschreibt — absolut notwendig, von robuster Natur zu sein:

„Alle Mann den Mund auf!“
Alle machten den Mund auf. Der deutsche Arzt untersuchte Mehmet Atalays Zähne und dann die der anderen so wie ein Pferdehändler es auf dem Viehmarkt machen würde.
„Hosen runter!“
Warum nur wollte der Arzt dort hinschauen, wo er hinschaute, direkt auf die Mitte ihrer Körper? Wonach suchte er? 11

Sie wollten nicht nur Jugend und robuste Körper — auch das Geschlecht war wichtig. Frauen genossen Vorrang, denn im Westen gab es keine Gleichheit bei der Arbeit und bei den Löhnen zwischen den Geschlechtern. Die unterwürfigen Frauen Anatoliens waren in den Augen der deutschen Arbeitgeber vorzuziehen, in den letzten Jahren haben sie eher weibliche als männliche Arbeitskräfte angefordert. Dieser Wunsch der deutschen Arbeitgeber fand einen unmittelbaren Widerhall.

Die Nachricht erreichte die Dörfer Anatoliens, deren Namen noch nicht einmal auf Karten verzeichnet sind. Männer, die die Hoffnung aufgegeben hatten, selbst gehen zu können, verabschiedeten ihre Ehefrauen nach Deutschland. Es war nicht leicht. Man wollte nur junge Frauen. Im Licht der Kerosinlampe wurde viel und lang diskutiert. Eine Frau ins Land der Ungläubigen schicken! Konnte das angehen? Ja, man machte es. Die Armut war eine schwer zu ertragende Bürde. Traditionen verblassten im Angesicht des Geldes. Und so transportierten die Züge mehr Frauen als Männer. 12

Aber es gab auch Menschen, die die von den Genossenschaften gebotenen Chancen verpasst hatten, andere, die nicht rechtzeitig auswandern konnten. Sie versuchten nun, die letzte Chance ihres Glücks zu ergreifen. Der Protagonist Bayram aus Adalet Ağaoğlus Roman „Die zarte Rose meiner Sehnsucht“ ist verärgert, weil er sich nicht rechtzeitig um die Auswanderung beworben hat. Er ist frustriert und neidisch.

Bayram hatte die ganze Zeit mit offenem Mund zugehört. Ich hab kein Feld oder anderen Grundbesitz in Istiklalbağı. Als wenn ich welchen in Ballihisar hätte… Angenommen, du versuchst alles und schafft es, deinen Wohnsitz nach Istiklalbağı zu verlegen. Ob das geht, weiß ich nicht. Der Verein ist ja auch schon voll. Die letzte Chance hat Ibrahim gekriegt. Diese Rotznase von Ibrahim! Sogar beim Eseltreiben haben die Kinder dich alle überholt. Und jetzt auf einmal schaffst du das alles, während ich mich in den Autowerkstätten abracker... Wie lange ist es her, dass Du das Dorf verlassen hast, ohne dass dir die Augen aufgegangen sind? Mensch, geh doch, du Trottel! Häng dich auf oder versink im Boden! Und du willst ein Kerl sein...13

Für einen anderen unqualifizierten Mann aus Anatolien, beschrieben von Yüksel Pazarkaya, nimmt das Warten kein Ende. Nachdem der Militärdienst beendet ist, wird einer der beiden Ochsen, das Vermögen der Familie, verkauft, vom Erlös zieht er nach Deutschland. Jetzt ist es sein Schicksal, ein illegaler Arbeiter zu sein:

Die Augen sind auf die Straße gerichtet, immer auf den Staub der Straße. Wird der Postbote heute kommen, wird er die lang ersehnte Postkarte bringen? Arbeitslos und unbeschäftigt zu sein, ist unerträglich. Die frisch vermählte Braut lächelt nicht mehr. Die junge Liebe welkt, die Liebeslieder sind verklungen. Der junge Mann konnte es nicht länger ertragen. Er überredete seinen Vater, einen der beiden Ochsen zu verkaufen. „Einer langt für den Pflug. Gib mir das Geld, das Du für den anderen erhältst“, sagte er. Und er machte sich auf den Weg, den Weg des Schmerzes, den Weg des Fremden. Das Geld für den Ochsen reichte nicht für die Bestechungsgelder. Brot hieß seine Last und Hunger gab es gratis dazu. Also arbeitete er als Lastenträger in Istanbul. Man nahm ihm alles ab, setzte ihn in den Bus und verfrachtete ihn nach Deutschland. 14

Alle möglichen Wege, um das Land zu verlassen, wurden ausprobiert, neue erfunden, um nach Deutschland zu gelangen. Es wurden auch Scheinehen mit Frauen in Deutschland geschlossen oder mit Türkinnen, die dort eine Aufenthaltserlaubnis besaßen:

Sie fuhren los. Wir verramschten alles mögliche, steckten ihm in die Taschen, was er brauchte, und sagten: „Also auf geht‘s, auf Wiedersehen!“ Ich weiß nicht mehr, wie viele Monate vergingen. Eines Tages kam plötzlich ein Brief. Darin war auch ein Foto. Und in dem Brief schrieb uns unser Sohn: „Vater, ich hab geheiratet, und zwar ein deutsches Mädchen. Auf dem Foto könnt ihr uns begutachten...“
Die er da ein deutsches Mädchen nannte, die sah ungefähr so aus wie unsere Verrückte Fadik. Der eine schätzt sie auf fünfzig, der andere auf sechzig. Das Weib steht da neben unserem Jungen wie eine Büffelkuh, die ihr Kalb säugen will. Wir fingen an, uns Sorgen zu machen. Na, und dann vergingen allerhand Monate, und eines Tages kommt wieder ein Brief : „Vater, ich hab mich von der deutschen Frau scheiden lassen und bin Gastarbeiter geworden.“ „Jetzt kapier ich“, sagte der Sohn von unserem Mahmud. Der war auch Arbeiter, in Deutschland; „Er hat die Frau erst geheiratet, eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, und dann hat er das Weibsbild zum Teufel gejagt.“ 15

Mahmut, die Hauptfigur in der Erzählung „Aufenthaltsgenehmigung“ von Yüksel Pazarkaya, bittet Güldane für eine Scheinehe um ihre Hand:

Güldane denkt einen Augenblick nach, dann fragt sie, „Wie viel gibst Du mir?“
„Sagen wir zweitausend“, antwortete Mahmut.
„Ich bin einverstanden, wenn Du mir fünftausend gibst.“
„Ich habe dreitausend dabei. Du bekommst es, sobald die Ehe geschlossen ist. Wenn Du mich
als Arbeiter nach Deutschland gebracht hast, zahle ich Dir die restlichen zweitausend von meinem ersten Lohn.“
Güldane ist einverstanden. „Aber Du musst außerdem diese Erklärung unterschreiben“, sagt sie: „Ich heirate Güldane nur vorübergehend. Ich erkläre mich damit einverstanden, während unserer Ehe getrennt zu leben. Ich schwöre bei meiner Ehre und bei meinem Glauben, dass ich mich sofort scheiden lassen werde, nachdem sie mich als Arbeiter nach Deutschland geholt haben wird. Die Schuld für die Scheidung werde ich auf mich nehmen. Unterschrieben von Mahmut. “ 16

Die Zurückgebliebenen

Was wurde aus denen, die zurückblieben? Ein Haushalt ohne Vorstand, eine junge Frau als „verheiratete Witwe“, ein Kind ohne Vater und manchmal sogar ohne beide Elternteile. Diese Schwierigkeiten sind ein anderer wichtiger Aspekt der Migration, der sich in der Literatur widerspiegelt. Die Belohnung für die Jahre der Sehnsucht war oft etwas Hübsches zum Anziehen, ein Radio, ein Kassettenrecorder oder ein zweistöckiges Haus. Aber die Belohnung war niemals ein Vater oder Ehemann, der zu Hause ist, dessen Stimme man hört, der die Angehörigen beschützt, dessen Wärme man spürt; er war über Jahre hinweg nicht anwesend. Stattdessen gab es Geld, und die Armut hatte ein Ende. Es war deutsches Geld, das hoch im Kurs stand. Und es gab immer genug davon. Aber Geld ist kein Ersatz für Gefühle, für Liebe, für Wärme; für Geld kann man keinen Vater oder Ehemann kaufen. Deutschland hat auseinander gerissen, was zusammen gehörte, schreibt Dursun Akçam:

Meine Frau und meine beiden Kinder sind allein im Dorf zurückgeblieben. Ich hab gehört, dass das jüngere Kind mal wieder krank ist. Zwei weitere Kinder, Sohn und Tochter, leben bei fremden Leuten in der Stadt, wo sie zur Schule gehen. Sie gehen beide zum Gymnasium. Man sagte mir, dass sich das Mädchen gut mache, aber der junge sei verantwortungslos und faul. Er ist ohne Vater und Mutter, die ein Auge auf ihn haben könnten. Meine Mutter hatte sich um ihn gekümmert, aber sie ist nicht mehr da. Wie soll meine Frau, einsam und ganz allein, mit all diesen Dingen fertig werden? Unsere Welt liegt in Trümmern. Die Familie ist zerstört, ich hier, der Rest drüben. Deutschland hat auseinander gerissen, was zusammen gehört. Der Wind hat uns in alle Richtungen zerstreut. 17

Die von Abbas N. Sayars beschriebene Figur Müslim erhält einen Brief von seiner jungen Frau Halime und erbebt beim Lesen „aus der Tiefe seines Herzens“:

Deinem Sohn geht es gut, Gott sei Dank. Er spendet mir während Deiner Abwesenheit Trost. Gott hat uns solch einen hartes Schicksal auferlegt. Vor Sehnsucht krümmt man sich. Ich bin hier zurückgeblieben wie eine Witwe, eine junge Witwe. Ich weiß nicht, was passieren wird, ob Du überhaupt zurückkommst oder ob Du mich nachholst. 18

Halimes Trennung von ihrem Ehemann führt zu einem Gefühl der Einsamkeit und schließlich zu Spannungen mit ihrer Schwiegermutter:

Halime, warum bist Du jetzt nur so überheblich? Haben wir in diesem Haus etwa nur deshalb zu essen, weil Dein Mann in Deutschland arbeitet? Falls Du dies denkst, vergiss es sofort. Deine Intrigen werden nicht funktionieren. Wenn Du damit weiter machen möchtest, dann geh zurück zu Deiner Mutter. Du hast uns lang genug tyrannisiert. Glaubst Du, jeder hier ist Dein Diener oder Sklave. (…). Falls ja, vergiss auch dies. Und sag Deiner Mutter, sie soll ihre Nase nicht in unsere Angelegenheiten stecken. 19

Die schöne Zeynep, von der Tarık Dursun K. erzählt, gibt nach jahrelangem Warten ihrem Gefühl für einen anderen Mann nach. Sie wendet sich Aliosman zu, und sie werden ein Paar. Diese Liebe, nach jahrelangem Warten erblüht, endet durch die Kugeln aus der Pistole von Ömer Bağrıyanık, der als „Gastarbeiter“ in Deutschland gearbeitet hat:

„Nein“, sagt Aliosman, „gar nichts tut mir Leid. Es wäre ja selbst dann passiert, wenn Du sie nicht verlassen hättest und selbst gegangen wärst. Es gab ein Feuer, das in meinem Herzen brannte. Ebenso wie bei Zeynep. Wir passten zueinander. Selbst Gott hätte es nicht verhindern können.“ Omers rechte Hand schnellte plötzlich hervor, und seine Finger ergriffen die Pistole wie ein Greifvogel. Er richtete sie auf (…). Die zweite Kugel löschte das letzte Rest Leben in Zeynep aus und streckte sie zu Boden. 20

Gülten Dayıoğlu ist eine einzigartige Schriftstellerin, wenn es um die Schilderung des Wartens, der Einsamkeit und der Entbehrung der Zurückgebliebenen geht. Das Leben wird zu viel für die von ihr geschilderte Braut, als zur Unterdrückung durch den Schwiegervater und die Schwiegermutter die Einsamkeit hinzukommt.

Halt um Gottes Willen den Mund, Mutter, Ruhe! Du hast dich genauso aufgeführt, als dein Sohn nach Deutschland wegging! Du hast mir vorgeworfen, es mit deinem Sohn heimlich geplant zu haben und hast mich dann mit Vater zusammen monatelang tyrannisiert. Ich schwor bei meinen Kindern, aber du glaubtest mir nicht. Ich wusste nicht, dass dein Sohn nach Deutschland gehen wollte. Ich war wirklich unschuldig. Und Vater schlug mich heftig. Was hast du mir in den letzten zwei Jahren nicht alles angetan. Ich habe so sehr gelitten, dass ich nun wie ein krankes Tier bin. Das Leben ist zu viel für mich. Hätte ich nicht Angst vor Gott, würde ich mich umbringen. Ihr habt mich genug gequält. Hört auf damit! 21

Die sexuellen Probleme der jungen „verheirateten Witwen“ wurden zur Ursache vieler anderer Probleme. Die Ärzte diagnostizieren als neues Phänomen bei zurückgebliebenen Ehefrauen Krankheiten sexuellen Ursprungs. Sie haben die Krankheit schnell identifiziert: Gastarbeiterfrauenkrankheit! Ihre Ehen sind von Verbitterung gekennzeichnet. Die Krankheit verbreitete sich in den letzten Jahren immer mehr:

„Bist Du verheiratet?“
„Sozusagen„, sagte Elmas.
Der Arzt hob den Kopf und starrte sie an. „Was soll das heißen? Ja oder nein?“ Elmas Blick verdüsterte sich. „Es heißt weder ja noch nein. Ich bin verheiratet, aber der Mann ist in den letzten sieben Jahren nicht bei mir gewesen.“
„Wo ist Ihr Ehemann?“
„In Deutschland.“
„Aha“, sagte der Arzt, „warum haben Sie das nicht gleich gesagt.“
Elmas Çelik war eine von ihnen. Aber in einer Hinsicht unterschied sie sich. Sie war sich ihrer Situation bewusst. Als sie gefragt wurde, ob sie verheiratet sei, hatte sie nur geantwortet: „Sozusagen.“ Tatsächlich hatte sie ihren Mann in den letzten Jahren nicht gesehen. Sie war in einem sozialen Sinne verheiratet, aber im medizinischen Sinne war sie Witwe.
„Es ist dieser Konflikt, der die Frauen zerstört“, dachte sie für sich. 22

Geht es nur Elmas schlecht? Gibt es die Ehefrau eines „Gastarbeiters“, der es nicht so geht? Elmas hat folgendes dazu zu sagen:

Sie schmelzen alle dahin wie Kerzen. Aber sie haben Angst davor, verdammt zu werden, deshalb beißen sie einfach die Zähne zusammen und behalten es für sich. Sie können nicht einfach hingehen und sagen: „Wir wollen unsere Ehemänner.“ Da sie still bleiben, wächst ihr Groll und nagt an ihnen. „Sieben Jahre lang habe ich die Zähne zusammengebissen, alles erduldet und wozu hat es geführt? Es zerreißt mich vor Schmerz.„ Das erste, was die Ehemänner tun, wenn sie aus Deutschland zurückkehren, ist, mit ihren Frauen zum Arzt zu gehen. „Meine Schwiegermutter weiß das alles, aber sie gibt vor, es nicht zu wissen, aus reiner Boshaftigkeit, und sie gibt mir die Schuld.“ 23

Und die Kinder und Jugendlichen, die zurückblieben? Sie stellen eine reiche Quelle an Material für noch zu leistende soziologische Untersuchungen und für noch zu schreibende Migrationsliteratur dar: Die Kinder einer Familie, deren Zusammenhalt zerbrochen ist, sind ebenfalls betroffen und gestört. Sie wurden unbeschützt und unversorgt zurückgelassen, sie vermissen die Liebe und Aufsicht der Eltern und sind daher orientierungslos. Sie brauchen die Ordnung und Einheit der Familie:

Und was unsere Kinder, unsere Töchter und Frauen anbelangt, auch ihr Leben ist zerstört. Einige sind in Deutschland, andere in der Türkei, sehnen sich nach einander. Die Kinder vermissen ihre Eltern, und die Eltern vermissen ihre Kinder. Das Nest ist entzwei gerissen. Wir stehen mit einem Fuß in der Türkei, mit dem anderen in Deutschland. Bringt man die ganze Familie hierher, klappt es nicht, lässt man sie dort, auch nicht. Unsere Kinder haben Probleme in der Schule, ganz allein zu Haus, ohne Eltern. Sie machen sich Sorgen und sind traurig. Oder sie sind aufsässig. Und in der Schule scheitern sie so oder so. 24

Den Kindern wurde Liebe und Schutz vorenthalten, sie mussten unerträgliche Probleme ertragen. Hinzu kamen die Wunden sexuellen Missbrauchs, die niemals heilen können. Mahmut in der Erzählung „Geride Kalanlar“ von Gülten Dayıoğlu, ein Kind, dessen Vater als „Gastarbeiter“ in Deutschland arbeitet, wird Opfer solcher Übergriffe:

Als die drei Männer, der Inhaber des Kaffeehauses, der Landvermesser und der Lehrer, in den Weinberg gelangten, war alles so, wie Arif es sich gewünscht hatte. Arif hatte Mahmut unter dem Maulbeerbaum sitzend auf dem Schoß. Er streichelte ihn und redete mit ihm: „Wenn du willst, gebe ich dir auch Geld. Sag niemandem, was wir gemacht haben. Ich gehe mit dir in den Weinberg, wann immer du magst. Du kannst so viele Trauben essen, wie du magst, du kannst im Fluss schwimmen und angeln gehen.
Mahmut nickte, als ob er „Ja“ sagen wollte. Er würde es niemandem erzählen, er konnte es nicht. Er konnte niemandem von der Furcht erzählen, die er hatte, und dem Schmerz, den er durchlitt. Er war nicht stark genug, um es in Worte zu fassen. 25

Die Auswanderer in der Fremde

Die meisten „Gastarbeiter“ fühlen sich während ihres Aufenthalts im Ausland wie entwurzelte Pflanzen. Sie haben keine Wurzeln, sind in einem Vakuum zurückgelassen, zerbrochen, hilflos und verängstigt. Ihr Leben hat sich völlig verändert. Die Arbeiter haben eine bäuerliche Arbeit zurückgelassen, an die sie gewöhnt waren. Nun wurden sie zwischen Maschinen platziert und arbeiten nach dem Ticken eines Zeitmessers. Sie unterliegen einer Angst einflößenden Monotonie und haben als einziges Ziel, Geld zu sparen. In den Worten des Schriftstellers Abbas N. Sayar trägt der Arbeiter „Lasten, die ein Arsch nicht aushalten kann“ und ist in einem schlechteren Zustand als „ein Ochse, der unter dem Joch einen schweren Wagen ziehen muss.“ Und doch ist der Mensch aus Anatolien dankbar, dass er Brot hat, dass er sich als Mensch unter Menschen befindet, dass er etwas Wohlstand besitzt und auf ein gewisses Maß an Verständnis stößt:

Was Dankbarkeit für diesen Tag Gottes anbelangt: Wir sind nicht dankbar für das tägliche Maß an Wohlstand, sondern weil wir ein gewisses Maß an Verständnis erreicht haben. Wir werden zensiert, doch wiegt die innere Zensur schwerer, da wir nun behaupten, wir seien Menschen unter Menschen. Ich bin bis auf die Knochen abgemagert. Verhungere ich, weil ich nichts zu essen habe? Nein, ich habe zu essen, aber ich esse nicht. Um genau zu sein, ich kann nicht essen. Wenn wir nur die Hälfte von dem äßen und tränken, was die Deutschen zu essen und zu trinken haben, könnten wir Euch kein Geld senden, wir könnten nicht einmal Briefe senden. Wenn wir zu uns sagten: „So ist eben das Leben“,  uns ausstreckten und alles auf die leichte Schulter nähmen, bekämt Ihr kein Geld, sondern nichts als Luft. Aber wir haben Verpflichtungen für Heim und Familie, also nehmen wir die Härten des Lebens in Kauf. In der Zwischenzeit aber müsst auch Ihr Geduld haben. Ihr müsst einander helfen und unterstützen. Alles, was ich besitze, ist für Dich und Deinen Sohn. 26

Westeuropa, das seine Türen für eine neue Form von Leibeigenen öffnete, war nicht bereit oder reif genug, um auch deren Bedürfnisse zu erfüllen. Hier hat das menschliche Problem seinen Ursprung:

Was die Deutschen nicht verstehen, ist dies: Sie wollen nicht sehen, dass jene, die kommen, nicht nur Arbeitskräfte sind. In ihren Augen besteht die einzige Pflicht des Fremden darin, seine Arbeit zu verrichten und dann schlafen zu gehen. Man sollte ihn nicht im Cafe und in Restaurants bei den Deutschen antreffen. 27

Die monotone Bewegung der Fließbänder in den Automobilfabriken widersprach der Natur des anatolischen Bauern, der es gewöhnt war, mit der Erde zu arbeiten, im Rhythmus der Natur. Die Arbeit in der Fabrik war vielleicht einfacher als jene, die er zu Hause verrichten musste, aber sie ermüdete ihn auf eine andere Weise. Adalet Ağaoğlu beschreibt diese erstickende, Schwindel erregende Art der Ermüdung:

Der Motor senkt sich, setzt sich auf das Chassis. Wie ein flügelloser Vogel. Jetzt nach oben! Halt! Das Band fließt weiter. Vor dir ein neues Chassis. Oben, an Ketten und auf einer Schiene ein neuer Motor. Fertig zum Runterlassen, zur Hochzeit mit dem Chassis. Du hast zehn Sekunden. Der Motor ist jetzt genau drüber. Nimm die Kette vom Auspuff. Du hast sechs Sekunden. Jetzt die Hand wegziehen, zieh! Zwei Sekunden, runter! Ein neuer Motor senkt sich auf ein Chassis, das in der gewohnten Weise auf ihn wartet. Das Band läuft weiter. Ein neues Chassis. Oben, an Ketten, auf einer Schiene, nähert sich ein neuer Motor. Diese Halle mit dem Fließband, mit dem ganzen beängstigenden Lärm, dem steten Kreislauf, der nicht die geringste Verzögerung erlaubt, erfüllte Velis Hirn und Herz und erstickte ihn fast. 28

Monotonie, Wiederholung, Sinnlosigkeit verursachten Langeweile und Ermüdung. Die Schwere der Arbeit war eine andere Sache und an sich nicht so wichtig. Was langweilte und ermüdete, war die Monotonie, die gleichförmige Arbeit, die man mit verbundenen Augen tun könnte. Diese Mechanisierung des Lebens wird in der Literatur am häufigsten aufgegriffen:

Also Hasan, Davud, Sadun und Kemal, jetzt seid ihr dran, die Schrauben einzusetzen. Setzt sie an und schraubt. Dies ist eine Schraube, und dies ist ein Schraubenzieher. Wiederhol es, Hasan, Schrau-ben-zie-her. So, ansetzen und drehen. Nun bitte die Bewegung in der Luft nachmachen: drehen, drehen. Jetzt die Schraube ansetzen und drehen, drehen. Schließt die Augen und dreht. Immer erst die Schraube ansetzen, dann drehen. 29

Die Müdigkeit ist eine andere Sache. Salim, der halsstarrige Held des Romans „Europastraße 5“, kann in der Nacht vor Ermüdung nicht schlafen:

Was immer ich euch auch jetzt erkläre, keiner von euch begreift, wie schwer es ist, in Deutschland zu arbeiten. Das ist mit der Arbeit hier überhaupt nicht zu vergleichen. Wenigstens in der ersten Zeit wisst ihr vor lauter Müdigkeit nicht, wo ihr überhaupt lebt, könnte auf dem Mond, könnte auch im Grab sein. Versteht ihr, so hart ist das. 30

Die „Gastarbeiter“ im Bergbau, die Füruzan interviewt hat, sahen die Diskriminierung im Westen als das Hauptproblem an:

Unten im Bergwerk wirst du selber sehen, dass die schwersten Arbeiten zu 99 Prozent von Türken, von ausländischen Arbeitern gemacht werden. (…) Die Arbeit an den Förderbändern, dem, den Bändern unter Tage, ist sehr hart. (…) Jeden Tag verliere ich immer wieder drei Kilo Schweiß. Schließlich arbeite ich sieben bis acht Stunden bei 34 Grad Hitze. Naja, und 34 Grad plus Körperwärme, wenn ich mich bewege, das macht 70 Grad! Diese Hitze musst du dir vorstellen, und du musst einfach arbeiten. Wenn du nicht willst, dann kündigen sie dir. (…) Dort wo wir stehen, arbeiten keine Deutschen, nur wir Türken, nur Ausländer.

Salim redet im Roman „Europastraße 5“ über ähnliche Diskriminierungen:

Dort, wo die Waren gelagert werden, die am leichtesten sind, arbeiten immer Deutsche. Sie werden mit ihrer Arbeit in Handumdrehen fertig. Und sie sind dann auch nicht sonderlich geschafft. Und dann holen sie gleich ihre Bierflaschen aus ihren Verstecken, tun so, als ob sie arbeiten, und vergnügen sich lachend.

Entlassen zu werden, ist der Alptraum des „Gastarbeiters“. Wegen dieser Angst ist er bereit, alle Schwierigkeiten zu meistern und alles zu erdulden. Alles, was er will, ist eine Aufenthaltserlaubnis, wie ein Mensch behandelt zu werden und eine Arbeit auszuüben, der er gewachsen ist. Yüksel Pazarkaya schildert das Problem:

Wenn Du weder eine Aufenthaltserlaubnis noch eine Arbeitserlaubnis hast, gilst Du in diesem fremden Land nicht als Mensch. Es ist nicht einfach, ein Fremder zu sein. Es ist aber sogar möglich, in diesem Land weniger als ein Fremder zu sein. Man kann ein Nichts sein, man hört, auf zu existieren, wenn man keine Aufenthaltserlaubnis hat, keine Arbeitserlaubnis. Gibt es dann weniger Arbeitsmöglichkeiten? Das sagt man so, aber es ist nicht wahr. Ich kenne die Arbeit, die ich mache. Es gibt zwölf von uns in der Abteilung, wo ich arbeite. Vier sind gegangen, jetzt sind wir noch acht. Wir acht machen nun die Arbeit von zwölfen, die gleiche Menge an Arbeit. Es gibt keine andere Lösung, da wir Angst haben, rausgeschmissen zu werden. 31

Auch Krankheiten sind für den „Gastarbeiter“ eine Quelle der Angst, denn sie können der Grund für seine Entlassung sein. Die Deutschen mögen kranke Arbeiter überhaupt nicht. Sie mögen auch keine Personen, die um freie Tage nachsuchen. Diese Angst um den Arbeitsplatz lässt den „Gastarbeiter“ gegen seine Interessen handeln; die Verwaltung, Kontrolle und Ausbeutung seiner Person wird damit noch leichter. Der einheimische Arbeiter lehnt die Unterwerfung unter den Arbeitgeber aus Angst ab. Der „Gastarbeiter“ hingegen organisiert sich nicht gewerkschaftlich, er bleibt isoliert und kann seine Rechte deshalb auch nicht verteidigen. Dadurch wird der Abstand zwischen dem einheimischen Arbeiter und dem „Gastarbeiter“ noch größer. Bekir Yıldız literarische Figur Feyzullah wird zum Objekt des Ärgers deutscher Arbeiter, als er, um sich bei seinem Chef beliebt zu machen, eine eigentlich nicht zu schaffende Arbeit innerhalb des vorgegeben Zeitrahmens beendet:

Die deutschen Arbeiter schauen auch zu, obwohl sie wissen, dass Feyzullah die Arbeit nicht schaffen wird. Mehrere von ihnen haben es selbst versucht. Und nicht einer von ihnen hat es in zwei Minuten und sechs Sekunden geschafft. Falls es möglich wäre, ginge ich zu Feyzullah und würde ihm ins Ohr flüstern, keine Angst vor dem Arbeitgeber zu haben, sondern seiner Gewerkschaft zu vertrauen. Einige der deutschen Arbeiter spucken vor Feyzullah auf den Boden. „ Was ist passiert?“, frage ich sie. „Er hat die Arbeit noch schneller geschafft, als vorgegeben“, sagen sie. 32

Der Schmerz der Entwurzelung und Diskriminierung

Die deutschen Arbeiter haben das Recht, sich zu beschweren und sie nutzen es. Es ist vergleichsweise leicht, sich zu beschweren, wenn man keine Angst vor der Entlassung haben muss. Die „Gastarbeiter“ laufen dagegen Gefahr, sich völlig zu verausgaben, und dann auch noch in 0pposition zu dem einheimischen Arbeiter zu geraten:

Die einheimischen Arbeiter beschweren sich über die Gastarbeiter, insbesondere über die Türken. Sie sagen, dass es ihre lebenslange Bestimmung in diesem Lande sei, Arbeiter zu sein. Als die Gastarbeiter kamen, haben sie ihr System aus den Angeln gehoben. Sie arbeiten bis zur Erschöpfung und sind so produktiver, und zwar nur um den Arbeitgeber zu beeindrucken. Sie schweigen angesichts der Ungerechtigkeiten, die sich ereignen. Die Arbeitgeber üben daher Druck auf uns aus: „Ihr seht die Leistung der Gastarbeiter“, kritisierten sie uns. „Warum tut ihr es ihnen nicht gleich?“ Aber Tatsache ist, dass die Gastarbeiter eines Tages gehen werden. Wir hingegen müssen bis zum Ende unter diesen Umständen hier bleiben. 33

Die Lebensbedingungen waren deutlich schlechter, wenn ein Arbeiter nur als „Tourist“ in Deutschland war, also ohne legale Aufenthaltsgenehmigung. Dann ging es nicht nur um den Verlust der Arbeit, sondern auch darum, das Land verlassen zu müssen, wenn man gefasst wurde. Die Welt des illegalen Arbeiters war die des Verfolgten und der Verfolgung:

Die Hatz führte ihn von Frankreich nach Deutschland. Der Flüchtige ist nun in der Hand der hiesigen Ausbeuter. „Ich geb’ dir Arbeit“, sagte jemand zu ihm, „aber dafür musst Du mir zweitausend Mark geben.“ Es gibt keinen Ausweg, wir werden hart arbeiten und das Geld zahlen. Es gilt, Arbeit zu finden. Wir zahlten, trotzdem ist unsere Arbeit noch illegal. Man darf nicht reden, nicht krank werden, hat keine Freizeit. Jeder soll fünfzehn Mark bekommen, sie geben Dir nur fünf.  Man akzeptiert es. Die Polizei verfolgt illegale Arbeiter nun härter. So viele der illegalen türkischen Arbeiter sind gefasst worden. Sie wurden ins Flugzeug verfrachtet und abgeschoben. Man sagt, es werde heute Nacht eine Razzia geben. Das nennt man, auf des Messers Schneide zu leben. 34

Illegale sind Menschen zweiter Klasse, sie finden keine Unterkunft, aber wenn sie einkaufen, sind die Deutschen erfreut. Es scheint, dass der Konsum das einzige Feld ohne Diskriminierung ist. Damit wird scheinbar alles ausgeglichen: das Haus, das man nicht mieten kann, die Gleichheit, die einem verwehrt wird:

Sie lassen Dich zwei, manchmal auch drei Schichten pro Tag arbeiten. Denn Du bist es ja, der seine Arbeit zu solch einem niedrigen Preis verkauft. Und auch Du bist es, der einen Teil der Waren kauft. Du solltest hier nichts verzehren, nur das Auto voll laden, die Dinge kaufen und sie in den Zug stopfen. 35

Die Vorschläge, was man kaufen soll, in was man investieren soll, werden nach Möglichkeit berücksichtigt. Welche Waren werden mehr Geld in der Türkei bringen?

Nach den ermüdenden Arbeitstagen, nach all den Vorbereitungen, zu denen aus aller Munde gute Ratschläge kamen, nach all den Formalitäten, die kein Ende nehmen wollten, nach all den beglichenen Rechnungen für Dinge, welche immer in der Türkei Geld bringen würden, für Mitbringsel für die ganze Verwandtschaft, für Frau und Freunde, Dinge wie Strümpfe, Hemden, Plastikgegenstände, Zeug und Gerät mit Batterien und ohne, elektrisch und nicht elektrisch; die Frau wollte noch eine Bluse mehr, noch ein deutsches Porzellangeschirr kaufen; nach Fernsehapparaten suchen, die im Preis herabgesetzt waren, nach Geschäften, die im Preis herabgesetzte Nähmaschinen verkauften, die langen Verhandlungen mit den Exportgeschäften; trotz all dem noch all die unerledigten Dinge. 36

Für die Ehefrauen ist das Einkaufen ein Vergnügen und der einzige Grund, in Deutschland zu bleiben:

„Das Leben in Deutschland taugt nichts, aber man kann nichts gegen das Einkaufen dort sagen.“ Und dann sagte er: „Das Leben in Deutschland ist nicht mehr gut.“
„Wann war es jemals gut?“, fragte seine Frau.
„Achje“, sagte Ismail, „wer macht denn den Umsatz im Kaufhaus?“
„Halt den Mund“, sagte seine Frau. 37

Der Westler bietet dem türkischen Arbeiter seine Waren feil. Für ihn ist das eine gute Gelegenheit, Geld zu verdienen, eine Gelegenheit, die vielleicht nicht wieder kommt. Für unerfahrene Einwanderer ist das eine Falle:

Als ich die Tür aufschloss, was sehe ich da: ein Ballonverkäufer ist zu wenig im Vergleich zu ihr. Alle neuen Tüten, die sie gebrauchen konnte, in allen Farben, in allen Sorten ...
„ Was ist das?“
„Frag nicht, Dayioglu, so gut wie umsonst! Riesige Stoffreste, vier Mark, fünf Mark!“
„Habe ich nicht gesagt, dass das Fallen sind?“
„Du verstehst nicht, Seyfeddin!“
„Dayıoğlu“, sagte sie plötzlich, „was ist das um Gottes willen! Als ich so beladen nach Hause kam, haben die Leute gekichert, während sie auf meine Tüten schauten. Ich habe auch gelacht. ‚Türkenkoffer‘, murmelte eine Frau, ihre Blicke auf mich gerichtet. Was meinte diese Frau, he?“ 38

Die Rollenverteilung in der Familie verändert sich schnell — jetzt ist es vielfach der Ehemann, der auf Anweisungen seiner Frau wartet. Dieser Wechsel ist für die Frau oft schwer zu verstehen. Ist dies der Ehemann, zu dem sie jahrelang aufgesehen hat? Ist dies Hasan, der sie jetzt anschaut wie ein Kind, das auf Anordnungen wartet? Man verändert sich sehr, wenn man die Welt kennen lernt; es erhebt einen in den Stand einer eigenen Persönlichkeit. Aber es ist auch die Erfahrung, Arbeit und eigenes Geld in der Tasche zu haben, sich des Werts seiner Arbeit bewusst zu sein. Ayse ist überrascht über die Macht, die sie jetzt hat, und über Hasans Hilflosigkeit:

Es war Ayşe, die zuerst nach Deutschland kam. Sie ließ ihren Mann nach acht weiteren Monaten nachkommen. Als sie ihn in der großen Bahnhofshalle trifft, ist sie von der Situation überrascht. Ihre Rollen haben sich verkehrt. Wenn sie damals in die Stadt gingen, als sie noch Bauern waren, war es Ayse, die auf Anweisungen ihres Mannes wartete,

auf Anweisungen, irgendwo hinzugehen und Dinge zu tun. Sie hielt an, wenn Hasan es ihr sagte, und ging weiter, wenn es von ihr erwartet wurde. In dem Augenblick, als Hasan mit seinem mit Seilen verschnürten Koffer aus dem Zug steigt, guckt er zu ihr und wartet auf Anweisungen. Hasan ist in einem Zustand der Verwirrung, Ayşe noch viel mehr. Die Traditionen und Werte der Vergangenheit haben sich tief in Ayşe eingegraben.

Und plötzlich merkt Ayse, dass sie mehr weiß als ihr Ehemann. Sie kennt den Ausgang vom Bahnhof, die Straßenbahnlinie, sie kennt den Weg nach Haus und zur Arbeit und so viele andere Dinge. Zuerst war sie verängstigt, verängstigt, so viel zu wissen. Sie ängstigte sich, dass Hasan böse mit ihr werden könnte, wenn er merkte, wie viel sie wusste und konnte. 39

Es ist bemerkenswert, dass die türkische Frau, die nach der Sitte ihres Landes nicht das Recht hat, vor ihrem Ehemann zu sprechen, die keinen Wert hat und ständig in der Furcht vor Verstoßung leben muss, dass diese Frau jetzt selbst ihren Lebensunterhalt verdient. Sie wird immer noch von Problemen geplagt, aber wenigstens ist sie jetzt nicht mehr so schwach:

Mein Mann folgte mir als Tourist. Er konnte keine Arbeit finden, da er nicht auf offiziellem Weg gekommen war. Ich verdiente für meine beiden Kinder und für meinen Ehemann den Lebensunterhalt. Dann entschied sich mein Mann, mit einer deutschen Frau zusammenzuleben. Er lebte von meinem Geld und gab es auch noch für sie aus. Ich konnte darüber nicht hinwegsehen, es auch nicht ertragen. Es war für uns nicht mehr möglich, zusammenzuleben. Als ich aufhörte, ihn zu unterstützen, ging er zurück in die Türkei. Ich wandte mich hier an einen Anwalt und reichte die Scheidung ein. 40

Ein Ehemann, der seinen sozialen oder beruflichen Status verloren hat, verliert oft auch sein seelisches Gleichgewicht. Er kommt nicht mit der Vorstellung zurecht, dass seine Frau mit anderen Männern zusammenarbeitet:

Von der traditionellen türkischen Herrschaft eines Mannes über ein Pferd, eine Ehefrau und eine Waffe verbleibt dem arbeitslosen Ehemann nur letzteres, ein altes Klappmesser. In der anderen Hand hält er ein Glas Bier, das er in Deutschland erhält. Er lässt seine Frau mit anderen Männern Schichtarbeit verrichten, denn er selbst hat keine Arbeit. Was kann man bloß unter dieser Bürde machen, wenn man als Illegaler bezeichnet wird und als Fremder gilt. 41

Die Kinder der Auswanderer

Von außen betrachtet, mag das Kind in Deutschland unter besseren Bedingungen leben. Ich weiß nicht, wie viele Kinder die ungefähr eine Million Gastarbeiter in Deutschland haben. Was ich aber weiß, ist, dass diese Kinder ihre Muttersprache nicht richtig lernen können, dass sie sich nicht in die Gesellschaft einfügen können, in der sie leben, dass sie ihrer Umwelt entfremdet werden und in jeder Weise verderben. Nicht nur, dass sie gewaltsam aus ihrer Gesellschaft entfernt wurden, nein, ihnen mangelt es in jeder Hinsicht an Betreuung und ihnen wird die Zuwendung der Eltern vorenthalten. 42

Nevzat Ustün spricht hier über das Immigrantenkind, über Arbeiterkinder, über die Kinder der Türken in Deutschland. Die meisten dieser Kinder sind schlecht integriert, sie haben keine Wurzeln geschlagen und sind von der Gesellschaft, in der sie leben, isoliert. Die meisten von ihnen befinden sich in einem Zwischenstadium, geprägt durch die Migration und den Zwiespalt zwischen der Türkei und dem Westen. Sie pendeln zwischen zwei Extremen:

Schließlich landen die jungen Leute auf der Straße, arbeitslos und untätig. Und man lässt sie Auf der Straße nicht in Ruhe. Die Polizei ist hinter ihnen her, verfolgt sie auf Schritt und Tritt, sodass sie abgeschoben werden können. Es gelingt ihnen, der Polizei ein oder zwei Mal zu entwischen, dann werden sie geschnappt. Sie gelangen in die Türkei, wo es weder Arbeit noch ein Zuhause gibt und die Eltern fern sind. Sie werden gezwungen, dorthin zurückzukehren, von wo sie gekommen sind. Die dreimonatige Aufenthaltserlaubnis läuft ab. Die Polizei ist wieder hinter ihnen her. Sie pendeln ziellos und unaufhörlich zwischen der Türkei Deutschland. Und alles, was sie ausgeben, stammt von ihren Eltern! 43

Ein junger Sohn hat neben der Schule viel innerhalb und außerhalb des Hauses zu tun. Er ist die einzige Verbindung zur Außenwelt:

Wenn ich aus der Schule nach Hause komme, kümmere ich mich um meinen jüngeren Bruder und die Schwestern. Ich helfe bei der Hausarbeit mit. Zwischendrin, wenn Zeit bleibt, mache ich meine Hausaufgaben. Falls ich ein wenig zu spät von der Schule nach Hause komme, wird meine Mutter wütend. Sie sagt, es sei meine Pflicht, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen und mich um die Geschwister und die Hausarbeit zu kümmern. Im Winter kaufe ich die Kohle zum Heizen. Wenn ich keine Kohle finde — manchmal findet man einfach keine — wird meine Mutter wiederum böse und droht mir. Dann fragt sie, ob ich denn niemals etwas finden könne. 44

Das Kind Narin in Bekir Yıldız Erzählung ist erst sechs Jahre alt, aber sie hat einen kleinen Bruder auf den sie Tag für Tag, Monat für Monat, von morgens bis abends aufpasst. Sie ist zu jung, um zu wissen ob man auch Menschen in einer Waschmaschine wäscht. Würde es funktionieren, wenn sie ihren Bruder zusammen mit der Wäsche in die Maschine stecken würde?

Narins Augen waren noch weit geöffnet. Sie ging einen Schritt zurück. Das verdammte Wasser aus der Waschmaschine lief zwischen ihren Füßen hindurch bis an die Wand. Eine neue Angst bemächtigte sich ihrer. Es schien ihr, als wolle das verdammte Wasser weiter steigen und sie ertränken. Das Wasser wurde dicker mit mehr Blut und Fleischstückchen. “Weine nicht, Davud... Warte ein wenig… Sieh mal, dort sind Autos… Mit Deutschen drin… Und wenn Mutter arbeitet, werden wir sogar eigenes Land kaufen… Das sagt Papa immer zu Mama... Warum nur haben wir unsere Heimat verlassen und sind hierher gekommen?“ 45

Das Geld wird über alles andere erhoben. Es wird über das Kind gestellt, es hat Vorrang vor der Zukunft des Kindes. Die Mutter wird durch Armut und Unsicherheit in diese ambivalente und konfliktreiche Position gedrängt. Das Herz der Mutter wird vom Geld verhärtet, das Kind wird dem Geld geopfert. Und dem Kind ist dies bewusst:

Vater erwartet von Mutter, zu Haus zu bleiben, da sonst, wie er sagt, die Kinder verwahrlosen. Aber Mutter wird wütend, wenn sie dies hört. „Nein“ sagt sie, „wir müssen das Haus abbezahlen. Wir wollen nicht wieder in Armut leben, wenn wir nach Hause gehen. Also müssen wir beide arbeiten. Ibrahim ist schon ein großer Junge. Er kann die Hausarbeit übernehmen und auf seine kleine Schwester aufpassen. 46

Den Kindern ist die Sorge der Eltern um das Geld so bewusst, dass sie, wenn sie Geld hätten, als erstes die Liebe der Eltern kaufen würden. Die Liebe der Mutter ist dem Geld unterlegen und das Kind erträgt dies mit allen Qualen. Was würde das Kind tun, so die Frage der Autorin Füruzan im Interview, wenn es tausend Mark hätte?

Was ich machen würde, wenn ich tausend Mark hätte? Ich würde es gleich Mutter und Vater geben, damit sie unsere Hausschulden zahlen können. Vielleicht würden sie mich dann noch mehr gern haben. (Ibrahim, 11 Jahre)47

Wenn ich tausend Mark hätte, würde ich Lebensmittel kaufen, Kohle kaufen fürs Haus, den Rest würde ich Vater geben, dann würden sie mich weniger schlagen. Ich würde ins Kino gehen.(Hülya, 12 Jahre) 48

Viele Mütter bringen ein Kind nach dem anderen zur Welt und gehen dennoch in die Fabrik zum Arbeiten, während das ältere Kind das kleinere aufzieht wie eine Mutter. Wenn das Kind erschöpft ist, dann nützt es nichts, dass es der Mutter Leid tut. Die Zeit fließt unwiederbringlich dahin. Man kann Kayhan seine Kindheit nicht zurückgeben:

Er war fünf, als wir ihn nach Deutschland mitnahmen. Alles, was wir in der Anfangszeit durchzustehen hatten, stand er mit uns durch. Bis er zwölf, dreizehn war, hat sich der Kleine nicht von meinen Rockschößen gelöst. Seiner kleinen Schwester und seinem Brüderchen wurde er zur zweiten Mutter. Was hätte ich auch sonst tun können? Ich brachte dauernd Kinder zu Welt und ging gleichzeitig in die Fabrik. 49

Die Kinder sollen als erstes die deutsche Sprache lernen. Aber wie sollen sie das schaffen? Wenn das Kind ohne Vorbildung in die Grundschule kommt, ist ein Versagen auf Grund des Sprachdefizits und der ungünstigen Umweltbedingungen unvermeidlich:

Wenn das Kind in die Schule kommt, hat es weder Deutsch gelernt noch kann es fließend Türkisch sprechen. Es kommt in die erste Klasse, wo der Unterricht auf Deutsch erteilt wird, mit deutschen Texten und deutschen Kindern, ohne dass das Kind eine Vorschule durchlaufen hätte. Fremd zu sein ist schwierig. Aber die Anpassungsprobleme, die Tatsache erniedrigt zu werden und die mangelnden Sprachkenntnisse langen, um das Kind seelisch zu zerstören. Es steht in der Ecke, ist hilf- und sprachlos. 50

Oft kommen die Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse in die Schule. Sie gehen für eine Weile in die Schule, selbst wenn sie dort versagen. Die mangelnden Leistungen isolieren das Kind und drängen es später aus der Schule heraus. Aus der Schule herausgedrängt zu werden, ist auch eine Folge der ablehnenden Einstellung der Gleichaltrigen und der Klassenkameraden. Das Gefühl der Einsamkeit und der Unsicherheit wächst unter diesen Bedingungen:

Nach dem Essen gingen sie zurück ins Klassenzimmer. Die Kinder kamen ihm ganz nahe. An ihrer Spitze wieder der fette Bursche mit den winzigkleinen Augen. Auf ein Papier hatten sie ein lachendes Schwein und eine Kuh gemalt. Die Kuh war durchgestrichen. Weiter unten auf dem Blatt sah man das Bild von drei Frikadellen im Teller. Vom Frikadellenteller zum lachenden Schwein führte ein Pfeil. Den hatten sie dahingemalt. Er geriet in Panik. Der fette Junge zeigte auf das Papier. Hielt es ihm direkt unter die Nase. 51

Auch ihr Aussehen hält sie von der Schule fern. Es ist das Schuldgefühl, keine blonden Haare zu haben, anders zu sein. Wenn Du nicht blond und blauäugig bist, nicht weißt, wie man „Guten Tag“ sagt, ist zur Schule zu gehen schlimmer als der Tod. Die Blicke richten sich auf Dich, sobald Du die Schule betrittst. Du weißt, was diese Blicke bedeuten und aussagen: „Da ist noch so eine lahme Ameise.“ Lahme Ameisen, so werden die Türken auch genannt. 52

Es ist nicht leicht, einem Kind, das durch Diskriminierung isoliert ist, zu sagen, warum es diskriminiert wird. Enders Vater tut dies, indem er eine Frage mit einer Gegenfrage beantwortet:

„Vater, bin ich Türke oder Deutscher?“ Sein Vater war überrascht.
„ Warum fragst Du?“ sagte er, nachdem er einen Moment überlegt hatte.
„Ich möchte es wissen“, antwortete Ender mit Entschiedenheit.
„Was möchtest Du denn sein, Türke oder Deutscher?“ fragte der Vater.
„Was ist besser?“ fragte nun wiederum Ender.
„Beides ist gut, mein Sohn“ sagte der Vater.
„Aber warum wollte Stefan dann heute nicht mit mir spielen? 53

Es ist sicherlich schwierig, beiden Gesellschaften gleichzeitig ausgesetzt und ein Teil von beiden zu sein. Vielleicht ist es auch mehr als schwierig, vielleicht ist es für die Kinder und Jugendlichen sogar unmöglich. Denn es ist kaum möglich, sich zwei verschiedenen Wertsystemen anzupassen und sein Verhalten darauf auszurichten:

Ihre Gefühle und ihr Geist sind angespannt wie ein Gummiband, das in zwei Richtungen gedehnt wird. Es gibt eine Menge Probleme in ihren Köpfen, schwer zu lösende Probleme… Es ist eine schwierige Sache, gleichzeitig Teil zweier Gesellschaften zu sein.
Ist es die Türkei?
Ist es Deutschland? 54

Wir beobachten, dass die Probleme der zweiten im Ausland lebenden Generation die der Eltern überschreiten. Die Probleme der vielen Personen, die die Schule abbrechen und als Hilfsarbeiter enden, scheinen endlos zu sein. Diese Kinder erben die Probleme ihrer Eltern. Vielleicht ist das der Grund, warum Aras Ören in seiner Erzählung Emine die Eintragung ihres Namens aus dem Pass ihres Vaters herausnehmen lässt, sodass sie nicht an seinem Schicksal teilhaben muss:

Ich war fünf, als ich hierher kam. Ich bin nun seit zehn Jahren hier. Meine Brüder und Schwestern sind in Berlin geboren worden. Was ist also das Ausland, was Heimat für mich? Das Ausland meines Vaters ist meine Heimat geworden. Aber meine Heimat ist für meinen Vater noch Ausland. Bitte entfernen Sie die Eintragung meines Namens vom Pass meines Vaters. 55

Literatur als Ort der Erfahrung und Erinnerung

Was hat Niyazi in den 40 Jahren in der Naunynstraße erlebt und erreicht? 40 Jahre sind eine gute Zeit für eine Bilanz, für eine Bewertung und Analyse der Ergebnisse der Migrationserfahrungen. Die Prosa und Lyrik, die sich dem Thema widmete, hat schon frühzeitig auf viele Fragen hingewiesen, die in den Sozialwissenschaften und in der Geschichtswissenschaft erst seit einigen Jahren Beachtung und Interesse finden. Die Probleme und Konsequenzen der Arbeitsmigration wurden in der Literatur schon frühzeitig antizipiert, zumindest aber angedeutet: Fremdheitserfahrungen, Entwurzelung, die Folgen von Modernisierungen, der soziale Wandel und die veränderten Geschlechterrollen, Generationskonflikte. Aber auch die Chancen und Möglichkeiten, die sich aus der Migration ergaben, gehören zu den Themen, die sich in der Migrantenliteratur finden. Und diese Beschreibungen finden sich nicht nur im Bereich der so genannten Gastarbeiterliteratur, also nicht nur in  jener Literatur, die von Migranten und meist für Migranten über die Erfahrungen der Migration geschrieben wurde. Einsichten in die Begleitumstände von Migranten finden sich sowohl bei Autoren in den Anwerbeländern als auch bei deutschen und anderen westeuropäischen Schriftstellern ohne eigene Migrationserfahrung. Hier liegt für die Literaturwissenschaft wie auch für die Migrationforschung noch ein teilweise ungehobener Schatz, der wichtige Anregungen und neue Perspektiven für die Forschung liefern kann. Es ist ein in der Zukunft noch auszumessendes Feld, insbesondere wenn es um die historische Rekonstruktion der Migration auf der Erfahrungs- und Erinnerungsebene geht.

(Endnotes)

1     Aus dem Englischen übersetzt von Silke Lohmann und Rainer Ohliger. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages, des Autors, der Übersetzern und der Herausgebern. Aus dem Band: Geschichte und Gedächtnis in der Einwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik. Hrsg.: Jan Motte / Rainer Ohliger. Essen, Klartext Verlag, 2004. 

2     Die literarischen Zitate des Textes stammen aus –sofern vorhanden- ins Deutsche übertragenen Veröffentlichungen (Ağaoğlu 1977, Bahadınlı 1980 und 1984, Dal 1990, Füruzan 1985, Livaneli 1983, Ören 1973), die übrigen wurden auf Grundlage der englischen Übersetzung des Verfassers Ali Gitmez ins Deutsche übertragen (Akçam 1978a, Akçam 1978b, Dağlarca unveröffentlicht, Dayıoğlu 1975, Dursun K. 1976 und 1980, Füruzan 1977, Ören 1980, Özgentürk 1979, Pazarkaya 1977, Sayar 1977, Sönmez 1981, Tosuner 1977, Üstün 1975, Yıldız 1975, 1977, 1980 und 1981). Die Übersetzungen aus dem Englischen können daher keinen Anspruch auf eine dem Original literarisch angemessene Genauigkeit erheben.

3     Aras Ören, Was will Niyazi in der Naunynstraße?, Berlin 1973, 5. 25

4     Bebek: Ein reicher Stadtteil in Istanbul

5     Es gibt schon eine Übersetzung von Yüksel Pazarkaya u.a.:

6     Nevzat Ustün, Alamanya Beyleri/Portekiz‘in Bahçe1eri, Istanbul 1975, S. 18.

7     Bekir Yıldız, Almanya Üstümden Kalkinca. In: Bilim ve Sanat, 3/19, 1981, S. 19.

8     Abbas N. Sayar, Dik Bayir, Istanbul 1977, S. 37.

9     Abbas N. Sayar, Dik Bayir, Istanbul 1977, S. 42

10     Tarık Dursun K., Kayabaşı Uygarlığının Yükse1işi ve Birdenbire çöküşü, Istanbul 1980, S. 177.

11     Bekir Yıldız, Harran-Berlin. Röportajiar, Istanbul 1980, S. 10—12.

12     Nevzat Ustün, Alamanya Beyleri, S. 40.

13     Adalet Ağaoğlu, Die zarte Rose meiner Sehnsucht, Stuttgart 1979, 5. 206f.

14     Yüksel Pazarkaya, Oturma Izni, Istanbul 1977, S. 33.

15     Yusuf Ziya Bahadınlı, Zwischen zwei Welten-İki Dünya Arasında, Berlin 1980, S 61 u. 63                     

16     Yüksel Pazarkaya, Oturma lzni, S. 41.

17     Dursun Akçam, 1978a.      

18     Abbas N. Sayar, Dik Bayır, S. 102.

19     Abbas N. Sayar, Dik Bayır, S. 255.

20     Tarık Dursun K., Bagriyanik Ömer ile Güzel Zeynep, Adana 1976, S. 102f.

21     Gülten Dayıoğlu, Geride Kalanlar, Ankara 1975, S. 92

22     Gülten Dayıoğlu, Geride Kalanlar, Ankara 1975, S. 102f

23     Gülten Dayıoğlu, Geride Kalanlar, Ankara 1975, S. 49

24     Akçam 1978a

25     Gülten Dayıoğlu, Geride Kalanlar, Ankara 1975, S. 32

26     Abbas N. Sayar, Dik Bayır, S. 137

27     Nevzat Üstün, Alamanya Beyleri, S. 55

28     Adalet Ağaoğlu, die zarte Rose, S. 30-31        

29     Bekir Yıldız, Alman Ekmeği, Istanbul 1975, S. 60

30     Güney Dal, Eeuropastraße 5, München 1990,S. 60

31     Yüksel Pazarkaya, Oturma lzni, S. 49 u. 81

32     Bekir Yıldız, Alman Ekmeği, Istanbul 1975, S. 68f.

33     Akçam 1978a

34     Yüksel Pazarkaya, Oturma Izni, Istanbul 1977, S. 28

35     Bekir Yıldız, Demir Bebek, İstanbul 1977, S. 57

36     Adalet Ağaoğlu, die zarte Rose, S. 18-19

37     Necati Tosuner, Sancı… Sancı…, Istanbul 1977, S. 180

38     Yusuf Ziya Bahadınılı, In der Dunkelheit des Flures. Erzählungen, Berlin 1984, S. 55

39     Nevzat Ustün, Alamanya Beyleri, S. 43

40     Akçam 1978a

41     Tekin Sönmez, Yeryüzü  Gurbeti: Isveç-Federal Almanya-Türkiye, Istanbul 1981, S. 60f.

42     Nevzat Ustün, Alamanya Beyleri, S. 31f

43     Akçam 1978b

44     Füruzan, Yeni Konuklar, Ankara 1977, S. 96

45     Bekir Yıldız, Demir Bebek, İstanbul 1977, S. 12

46     Füruzan, Yeni Konuklar, Ankara 1977, S. 105

47     Füruzan, Logis im Land der Reichen, S. 41

48     Füruzan, Logis im Land der Reichen, S. 40

49     Güney Dal, Eeuropastraße 5, München 1990, S. 104

50     Akçam 1978b

51     Zülfü Livaneli, Ein Kind im Fegefeuer. Erzählungen, Berlin 1983, S. 17

52     Işıl Özgentürk, Almanya Bugün… in: Cumhuriyet vom 31. Dezember 1979

53     Yüksel Pazarkaya, Oturma lzni, S. 68-79

54     Nevzat Ustün, Alamanya Beyleri, S. 13f

55     Aras Ören, Berlin Üçlemesi, Istanbul 1980, S. 240

Prof. Dr. Ali Gitmez

Professor an der Middle East Technical University (Ankara), Institut für Dept. Management and Centre for European Studies, Forschungsprojekte und Veröffentlichungen zu Migration und Remigration, zur Integration der Zweiten Generation von Migranten sowie speziellen Aspekten der Feminisierung von Migration.

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