türkischdeutsche-literatur

Das schöne Problem des Übersetzens

von Sargut Şölçün

Es war 1995, als Tayfun Demir eine Bibliographie mit dem Titel Türkische Literatur in deutscher Sprache vorlegte. In aufrichtiger Bescheidenheit, vor allem aber aus einer selbstkritischen Gefühlssicherheit heraus tendierte er damals dazu, die kulturellen und literaturgeschichtlichen Dimensionen seiner eigenen Leistung nicht gebührend einzuschätzen. Dennoch, ich profitierte von dieser Bibliographie nicht wenig.

Nun ist Demirs Türkische Literatur in deutscher Sprache wieder da, sogar in erweitertem Umfang, zu dem auch die Übersetzer-Biographien zählen; eine Zusammenlegung, die einen zur Reflexion, zur Inspiration und Assoziation anregt. Nicht aber deshalb, weil die auf eine eigentümliche Weise erfüllte Kulturmission der Völkerverständigung dienen müsste, von der ich ohnehin nicht viel halte.

Übrigens: Ermöglicht wird eine im übersetzerischen Sinne akzeptable Kommunikation durch die Ablehnung der totalen Unterordnung unter das Original, das sich als Ausgangstext des Vorurteils erfreut, die einzige Instanz von Recht und Richtigkeit zu sein. Da wird sich der Leser meistens nicht imstande fühlen zu überprüfen, ob infolge der Vorgehensweise des übersetzenden Subjekts die Übersetzung gelungen ist oder nicht; denn gerade im Sinne der Übersetzungsdidaktik wird die übersetzerische Kompetenz gemessen an den Auswirkungen der Praxis auf das Verständnis des Textes. Im Unterschied zur übersetzten Gebrauchsanweisung wird die ästhetisch relevante Übersetzung auffallen. Dann ist sie eine Vermittlungsarbeit zwischen den sprachlich anders materialisierten Formen der Kultur, die die Kluft zwischen ihnen besonders deutlich macht.

Folglich lenke ich meine Aufmerksamkeit auf den Prozess des Übersetzens, der an Bedeutung gewinnt, wenn die Übersetzer, wie dies in der vorliegenden Bibliographie der Fall ist, vorgestellt werden. Es ist ein Prozess, in dem – wie es mir scheint – ein dekonstruktiver Akt das Wesentliche entscheidet.

Was geschieht in der Übersetzung als Prozess? Die Fragestellung soll eine dazu gehörige andere, jene von den theoretischen Auseinandersetzungen her bekannte Frage – nämlich, ob die Übersetzung ausgangs- oder zielsprachenorientiert zu sein habe – verdrängen, jedoch nur provisorisch. Was hier noch in Betracht gezogen werden muss, ist die Tatsache, dass zwischen dem Ausgangs- und dem Zieltext kein Niemandsland ist. Da ist ein spezifischer Erfahrungsraum, in dem das übersetzerische Subjekt wirkt, und da läuft ein gewisser Verwirklichungsprozess ab. In der Übersetzung als Prozess geht es also um die Verwirklichung der im Original verborgenen Möglichkeiten. Sie ist zwar nicht unabhängig vom Verstehen des Subjekts, jedoch ist ihm auch nicht gleichgültig, ob und wie bei der Neuformung des Originals dieses zu Wort kommt.

Andererseits: Die Zielsprache impliziert die Negation des Originals; sie kann es aber nicht negieren, ohne es zugleich und jedes Mal von neuem zu bejahen. In einer dialektischen Einheit von Affinität und Negation, von Distanz und Nähe erfährt die Sprache im übersetzerischen Gestus eine – sicherlich verfremdende – Umwandlung, eine Objektivierung, die nicht ohne das subjektive Handeln des Übersetzers möglich ist. In diesem Erfahrungsraum agiert aber das Subjekt nicht ganz frei und subjektiv. Sowohl in Bezug auf das Original als auch auf den Zieltext hat es mit Entfremdungen und Verfremdungen zu tun. Während das Subjekt in mehreren Rollen agiert, verwandelt es nicht nur die Gegebenheiten, sondern unterzieht sich selbst einem Verwandlungsprozess, der die Subjektzentriertheit der literarischen Translation relativiert. In der Loyalität zum Original besitzt der Übersetzer nahezu einen Objektstatus. Erst im Treuebruch gegenüber dem Ausgangstext erhebt er sich zum Subjekt. In der Emanzipation von der Textvorlage, seinem Objekt, erkennt das Subjekt sein Angewiesensein auf das Original wieder, das es in der anderen Sprache irgendwie fortsetzen muss, damit diese einen Wahrheitsgehalt erreicht.

Subjekt und Objekt treffen sich also im Prozess der Übersetzung, um aufeinander zu wirken, einander zu verwandeln, in vorher nicht bestimmbaren Verschiebungen und Differenzierungen – eine unerhörte Agilität, die, in einer Kausalbeziehung mit erneuter Gestaltung der schon geformten Sprache und erkenntnistheoretischer Erweiterung stehend, einen Drang zur Wahrheit darstellt. Er ist bekanntlich endlos und legitimiert sich nicht selten mit einer geistigen Erfindung, jener allzu menschlichen Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, die nur ein Essayist mit seinem etymologischen Bewusstsein nachvollziehen kann, denn ihm genügt selbst die Etymologie nicht. Daraus erklärt sich, warum jede Übersetzung – in Anlehnung an Walter Benjamin gesagt – ohne ihre Übersetzung unvollständig ist. Und daraus erklärt sich gleichzeitig, warum der übersetzerische Drang zur Wahrheit eine bestimmte Assoziation erweckt. In der Tat, der dekonstruktive Akt der Übersetzung als Prozess ist vergleichbar dem erotischen, bei dem Objekt- und Subjektstatus ebenfalls keine konstante Beschaffenheit mehr bilden, damit jener allzu menschliche Fundamentaltrieb zu seinem Recht kommt.

Die der Übersetzung eigene Unvollständigkeit – offensichtlich ein romantisches Erbe – gilt zweifelsohne auch für die Titel, die in Tayfun Demirs deutschsprachiger Bibliographie von Autorinnen und Autoren türkischer Zunge kategorisch angezeigt werden. Doch sie sind nun einmal da und dokumentieren, dass manche unterschiedlichen Prozesse zu konkreten Produkten geführt haben, durch deren mehrfache Spiegelungen fremd- und eigenartige Bilder und Muster erscheinen. Mit der vorliegenden Bibliographie wird uns nämlich ein Kaleidoskop angeboten, das nur gegen das totale Licht der Geschichte gedreht zu werden braucht; da kann man sich an den einmaligen bunten Erscheinungen der conditio humana nicht sattsehen. Die Prozesse dagegen sind bestenfalls in der Vorstellungswelt der belesenen Rezipienten vage zu rekonstruieren, aus erschließbaren Gründen. Außerdem: Kein Subjekt würde seine Objektwerdungsmomente im Boudoir freiwillig zur Schau stellen.

Zum Autor

Sargut Şölçün studierte in Ankara und München, lehrte an der Hacettepe-Universität Ankara, der Freien Universität Berlin und der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist seit 1999 Professor für Fachdidaktik und Literaturwissenschaft / Turkistik an der Universität Duisburg-Essen. Von ihm liegen diverse Publikationen in deutscher und türkischer Sprache vor.

Zurück