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Kemal, Yaşar (Gökçeli)

Yasar Kemal 1923 in dem Dorf Gökçeli oder Gökçedam bei Osmaniye/Adana geboren. Er wuchs in Burhanlı und Kadirli bei Adana auf, brach die Schule ab und arbeitete dann in einer Baumwollfabrik, danach u. a. als Bürodiener, Landarbeiter, Wasserwächter, Hilfslehrer. Mit 17 Jahren wurde er zum ersten Mal aus politischen Gründen verhaftet. Er interessierte sich für Literatur, vor allem auch für die Volksänger seiner Heimat. In Adana begegnete er dorthin verbannten Istanbuler linksintellektuellen Künstlern, die sein Talent erkannten und ihn an ihre Freunde nach Ankara und Istanbul empfahlen. Von 1951 bis 1963 schrieb er bei der Tageszeitung Cumhuriyet Kolumnen und Reportagen. Er war Mitbegründer der neuen Sozialistischen Arbeiterpartei (1962), leitete die linke Zeitschrift „Ant“ und fungierte als Vorsitzender der neuen Schriftstellergewerkschft der Türkei. Seine ersten literarischen Produkte waren Gedichte, darauf folgten ab 1946 Kurzgeschichten, die bereits auf Interesse stießen; sein in der Cumhuriyet abgedruckter Roman Memed, mein Falke erregte durch seine sozialkritischen, modern-romantischen Stoff um einen edlen Räuber großes Aufsehen. Mit dem Roman „Memed mein Falke“ wurde er 1955 auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller der Türkei. Kemal erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1997 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.


„Yaşar Kemal verbindet Wirklichkeit, Phantasie und Volkstradition und bringt daraus Epen hervor. Er ist ein Erzähler in der ältesten Tradition, in der Tradition Homers, ein Sprecher für ein Volk, das keine Stimme hatte. Kemal wendet sich an die Welt, als ob die ganze Menschheit sich um sein Lagerfeuer drängte, auf der Suche nach Wärme und Zuversicht.“

(Elia Kazan)

Werke

Anatolische Trilogie I., Der Wind aus der Ebene

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1985, 372 S.
Die Bewohner eines ganzen Dorfes ziehen aus den Taurusbergen hinunter in die Ebene. Auf den Baumwollfeldern der Großgrundbesitzer wollen sie verdienen, was es zur Bezahlung der Schulden und zum Überleben im harten Winter braucht. Der Zug wird zur Höllenfahrt durch eine grausame Natur und archaische Leidenschaften.
„Ich wollte zeigen, daß der Mensch nicht nur in der realen Welt lebt, sondern ebenso sehr auch in seinen Träumen. Denn wenn das Leben ihn so hart an den Abgrund führt, dann muß er sich, um zu überleben, eine Welt der Mythen und Träume schaffen.“ Yasar Kemal

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1986, 468 S.
Als der anatolische Winter das Dorf von der Außenwelt abschneidet und Not und Verzweiflung Einzug halten, wird ein uraltes Stück Menschheitsgeschichte Realität. Einer, der sich nicht beugen lässt, wird zum Heiligen — bis die weltliche Macht nach ihm greift.

Anatolische Trilogie III., Das Unsterblichkeitskraut

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1986, 440 S.
Wieder sind die Bauern aus den Taurus-Bergen auf die Baumwollfelder der Çukurova gezogen. Aber dieses Jahr ist alles anders. Tasbasoglu kehrt zurück — krank, erschöpft und kraftlos. Die Bauern weisen ihn ab, seine Familie weigert sich, ihn aufzunehmen: Nein, das kann er nicht sein, der Mann, den sie zu ihrem Heiligen gemacht haben. Da beschließt er, sich zu töten, um die Verehrung des Dorfes wiederzugewinnen.52

Novelle
Frankfurt a. M., Societätsverlag,
2. Aufl. 1979, 122 S.
(1. Aufl. 1962) Neuausgabe München, dtv, 1987 und, 1994)
Auch in: Erkundungen, S. 112-185

Hrsg. vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
Frankfurt a. M., 1997, 68 S.,
ISBN 3-765-72029-1

Auch die Vögel sind fort

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1984, 124 S.
Jeden Herbst gehen die Vögel in Schwärmen auf einem Strand vor Istanbul nieder. Seit den Tagen des alten Byzanz will es die Sitte, dass die Städter sie vor den Moscheen, Kirchen, Synagogen kaufen und wieder freilassen. Sie sollen an der Pforte des Paradieses Fürbitte leisten... Als aber die drei Gassenjungen ihre vollgestopften Käfige auf Istanbuls Plätze tragen, ernten sie nur Spott und Hohn. Das Paradies gilt nichts mehr, die Traditionen sind vergessen. Man beschimpft, verjagt die Jungen und hetzt sogar die Polizei auf sie. Mit knurrenden Mägen, leeren Taschen, verjagt und erniedrigt kehren sie zurück. (Verlagstext)

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1979, 300 S.
Die türkischen Nomaden vom Stamm der Karaçullu ziehen seit Jahrhunderten aus den Bergen hinunter in die Ebene, um sich ein Winterquartier zu suchen. Aber wo sie einst mit hunderten von Zelten, glänzend und bewundert in ihrem Reichtum, die Ebene überschwemmten, erstrecken sich jetzt Reisfelder und Baumwollplantagen bis an den Horizont. Wo sie einst ihre Herden weideten, bebauen jetzt sesshafte Bauern den Boden, dröhnen Lastwagen auf asphaltierten Straßen. Mit Steinhagel und Flintensalven werden sie empfangen. Großgrundbesitzer, korrupte Dorfpolizisten, doppelzüngige Agas pressen ihnen täglich neue Tribute ab. Noch für die steinigsten Rastplätze müssen sie bezahlen, bis sie schließlich nichts mehr zu verkaufen haben als ihre kostbaren Teppiche, den jahrhundertealten Schmuck ihrer Frauen und schließlich ihren letzten Besitz – ihr Vieh.

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1993, 704 S.,
ISBN 3-293-00191-2
Memed hat Ali Safa Bey getötet und ist in die Berge geflohen. In der Kleinstadt herrscht Ratlosigkeit. Die Stadtherren zittern vor diesem Rebellen, der die Reichen tötet und den Armen hilft. Man setzt ihm den Hauptmann Faruk und dessen furchterregenden Komplizen Ali die Echse auf die Fersen. Wer hat Memed gesehen? Wer kennt ihn? Phantastische, bisweilen in Form von Geständnissen erpresste Beschreibungen verdichten sich zu einer Galerie bizarrer Porträts. Doch für Memed sind die Legenden, die sich um ihn ranken, zum Fluch geworden. Mit der schönen Seyran, die er geheiratet hat, möchte er in Ruhe und Frieden leben. Aber kann ein Räuber und Rebell seinem Schicksal entrinnen?

Der Baum des Narren: mein Leben

Yasar Kemal im Gespräch mit Alein Bosquet.
Zürich, Unionsverlag, 1997, 240 S.,
ISBN 3-293-00245-5
Aus dem freundschaftlichen Austausch vieler Jahre entstand der Plan dieses Buches: An den Fragen von Alain Bosquet entzündete sich Yasar Kemals Erinnerung, der Erzähler begann, sein Leben zu erzählen.Sehr bald wird klar: Kemals eigenes Leben ist selbst ein epischer Stoff voller Dramatik und Abenteuer, der durch die Höhen und Tiefen des Landes führt. Er berichtet von seiner ebenso harten wie reichen Jugend im anatolischen Dorf, vom frühen Ruhm als wandernder Sänger, von seinem Weg in die Literatur und durch die Gefängnisse der Türkei. Er erzählt von den Menschen, die seinen Weg geprägt und von den Büchern, die sein Werk beeinflusst haben. In diesem Lebensbericht öffnet sich Yasar Kemal mit seinem sprühenden Temperament, seiner zähen Unbeugsamkeit, in der Größe des Zorns und einer alles überstrahlenden Heiterkeit.

In: Türkische Erzählungen des 20. Jahrhunderts, S. 54-60

Der Granatapfelbaum

Zürich, Unionsverlag, 2002, 128 S.,
ISBN 3-293-00302-8
Der amerikanische Marschall, so nennen ihn die Landarbeiter, hat nach dem Zweiten Weltkrieg gemäß seinem Plan die Türkei mit tausenden von funkelnden, riesenhaften Traktoren überschwemmt. Seither ist in der Çukurova-Ebene nichts mehr so wie früher. Die Großgrundbesitzer sind vernarrt in ihre neuen Maschinen und glücklich, dass sie sich mit den Tagelöhnern aus den Bergdörfern nicht mehr herumschlagen müssen.
So irrt ein Grüppchen von Dörflern durch Staub, Hitze und höllische Moskitoschwärme. Schließlich findet es sein Glück ganz unerwartet: Auf dem Feld des menschenfreundlichen Melonengärtners. 

In: Die Pforte des Glücks, S. 149-173
Sowie in: Sechs Nachtwächter auf einem Karussell, S. 72-81

Der Sturm der Gazellen

Roman
Die Inselromane Band II
Zürich, Unionsverlag, 2006, 400 S.,
ISBN 3-293-00354-0
Taschenbuch, ISBN 3-293-20412-0 (2008)
Die paradiesische Insel in der Ägäis war menschenleer, nachdem die griechischen Bewohner nach dem Ersten Weltkrieg vertrieben wurden. Nach und nach stranden hier ihre neuen Bewohner, eine bunte Schar aus allen Winkeln des alten osmanischen Reiches. Jeder hat tausend Geschichten zu erzählen und ebenso viele Geheimnisse zu verschweigen, jeder ist gezeichnet von Abenteuern, Heimsuchungen und Albträumen. Sie alle versuchen, heimisch zu werden auf diesem Flecken Land, während in ganz Anatolien noch Millionen auf der Flucht sind.
Griechen, Türken, Kurden, Armenier, Jesiden, ob Christ, Alevit, Muslim oder Atheist – jeder auf dieser Insel von seinen Erinnerungen heimgesucht wird. Allmählich finden sie zueinander und werden zu einer verschworenen Gemeinschaft, auf die bereits neue Bewährungsproben warten.

Zürich, Unionsverlag, 2001, 368 S.,
ISBN 3-293-00280-3
Als Musa mit seinem Ruderboot an der Küste der ägäischen Insel anlegt, stößt er auf ein menschenleeres, verlassenes Paradies. Sofort erliegt er dem Zauber dieser verwunschenen Welt und lässt sich auf der Insel nieder. Aber unter der friedlichen Oberfläche liegen Tragödien. Die Bewohner, alles Griechen, wurden nach dem Ersten Weltkrieg in einer gigantischen Umsiedlungsaktion von einem Tag auf den andern vertrieben. Und in Musa erwacht die Erinnerung an die Grausamkeiten, die jahrzehntelang Anatolien, die Völker des Kaukasus und des Mittleren Ostens heimsuchten.

Die Ararat-Legende

Eine alte kurdische Volkssage
Zürich, Unionsverlag, 1981, Türkei:
1970, 156 S.
Auch als Taschenbuch, München, dtv, 1989, 136 S.

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1983, 393 S.
Ali Safa Bey ist süchtig nach der schweren, schwarzen, fruchtbaren Erde der Ebene von Anavarza. Die fruchtbarsten Böden hat er schon in seinen Besitz gebracht. Nur das Häuflein der Bauern aus Vayvay leistet noch Widerstand. Aber auch sie müssen sich beugen — bis eines Nachts ein abgerissener, ausgehungerter Fremdling an die Türe klopft: Memed, der legendäre Räuber und Rebell.

Erzählungen
Berlin, Ararat Verlag, 1982, 207 S.

In: Die Pforte des Glücks, S. 375-382

Memed, mein Falke

Roman
Zürich, Unionsverlag, 1982, 340 S.
Memed, der schmächtige Bauernjunge, wird zum Räuber, Rebellen und Rächer seines Volkes. Dieser Roman wurde nicht nur in über 40 Sprachen übersetzt, sondern selbst wieder zur Legende. In türkischen Kaffeehäusern wird er vorgelesen, wandernde Sänger erzählen ihn nach.

Roman
Zürich, Unionsverlag, 2003, 571 S.,
ISBN 3-293-00316-8
Memed versucht, Frieden und Glück zu finden, und zieht von den Bergen herunter, wo er außerhalb des Gesetzes gelebt hat. Am Mittelmeer will er ein neues Leben beginnen, in einem Dorf, das von Orangen- und Zitronengärten umgeben ist. Die alte Hürü und Seyran, die ein Kind erwartet, gesellen sich zu ihm.
Unerkannt lebt er in diesem vermeintlichen Paradies ein beschauliches Leben, während rings um ihn die Memed-Legenden sprießen und ihm seine eigenen Heldentaten erzählt werden. Doch der geheimnisvolle Fremde, der Memed immer wieder über den Weg läuft – ist er ein Freund oder ein Feind? Oder ist er einfach der Memed von einst, der von nichts anderem als von Gerechtigkeit träumte?  Als sein Freund, der Lehrer, getötet wird, der sich als Einziger gegen die reichen Grundherren stellte, wächst wieder der unerbittliche Zorn in Memed, der ihn früher schon zum Rebellen und Rächer gemacht hat. Doch in dieser Welt haben Legenden keinen Platz mehr und das Wort und die Ehre gelten nichts. Memed zieht zum allerletzten Mal in die Berge.

Salman

Zürich, Unionsverlag, 1999, 500 S.,
ISBN 3-293-00266-8
Ismail Aga liebt das Waisenkind Salman wie einen eigenen Sohn und Erben, bis ihm seine Frau einen Knaben gebiert: Mustafa. Nun schleicht sich die Schlange der Eifersucht ins Haus. Die Angst ergreift zuerst die Kinder, dann das ganze Dorf, und zuletzt ist sich niemand seines Lebens mehr sicher. Mit „Salman“ nähert sich Yasar Kemal einem menschlichen Rätsel und einer tragischen Verstrickung: Ein Kind, das geliebt und verwöhnt wird und seinen Ziehvater über alles verehrt, wird aus seinem Traum gerissen und bringt zuletzt Tod und Schrecken über das Haus.Diese große Familiensaga schlägt den Bogen über ein ganzes Jahrhundert.

Erzählung
In: Von Istanbul nach Hakkari, S. 15-25
Die Erzählung Schreibstifte schrieb Kemal in den Fünfzigerjahren, doch sie fehlt in den früheren türkischen Ausgaben sowie im deutschen Band „Gelbe Hitze“.

Töte die Schlange
Zürich, Unionsverlag, 1988, 111 S.
Eine wahre Begebenheit wird zum Stoff einer Tragödie: Wie kann es so weit kommen, dass ein Sohn seine geliebte Mutter tötet?

 

Zürich, Unionsverlag, 1998, 512 S.,
ISBN 3-293-20112-1
Selims Traum ist es, ein Stück Land, das er bereits mit Olivenbäumen bepflanzt hat, zu kaufen und für seine große Liebe ein Haus zu bauen. Auf dem Boot erzählt der Fischer Selim von seiner Freundschaft zu einem Delphin und beschreibt das grässliche Massaker, das die Fischer aus Geldgier unter den Delphinen des Marmarameers anrichteten.

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