türkischdeutsche-literatur

Kanik, Orhan Veli

1914-1950

Orhan Veli gehört zu den bedeutendsten Lyrikern der modernen Türkei. Zusammen mit Oktay Rifat und Melih Cevdet Anday hat er Anfang der vierziger Jahre den überkommenen Formen der Lyrik ein neues, geradezu revolutionäres poetisches Programm gegenübergestellt. „Artifizielles und Konventionelles waren aus dem Gedicht zu eliminieren, der Ballast von Symbol, Reim, Metrum, Metapher, Vergleich endgültig abzuwerfen, zugunsten einer neuen Sprache, die, nicht poetisch, sondern neu, kühn, einfach und nüchtern sein sollte. Die gesprochene Sprache des Alltags, des kleinen Mannes wurde zum bevorzugten Medium.“31
„Für seine auf einer „Ästhetik des Banalen“ basierenden Dichtung fanden er und seine Freunde den Titel „fremdartig“, und fremdartig-exotisch mußte diese befreite Poesie in der Türkei auch wirken. Mit seinem ideologischen Anspruch hatte der Marxist Nazim Hikmet die türkische Dichtung revolutionieren wollen; Orhan Veli hat sie mit seiner Poesie demokratisiert: für jedermann verstehbar, lapidar, trocken, alltäglich, voller Ironie — und in seinem understatement unendlich anrührend.“ (Petra Kappert in der FAZ vom 29.3.1986)
Vgl. Orhan Veli Kanik, in: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur. Loseblattwerk. Göttingen, Edition text + kritik,
34. Nachlieferung, Juli 1994.

Werke

Berlin, Ararat Verlag, 1981, 54 S.

Fremdartig / Garip

Gedichte in 2 Sprachen.
Hrsg., übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Yüksel Pazarkaya
Frankfurt a. M., Dagyeli Verlag, 1985, 244 S. (Nr. 1 in der SWF-Bestenliste im März 1986)
vollständig überarbeitete Neuauflage
Berlin: Dagyeli Verlag, 2008, 264 S., ISBN 978-3-935597-05-0

Wie bei seinen Brüdern im Geiste (William Carlos Williams, Blaise Cendrars, Oswald de Andrade), die er teilweise nicht gekannt haben mag, ist bei Orhan Veli Kanik das Lakonische nie mager, das Trockene nie dürr. Das Lob der Faulheit und des poetischen Müßiggängers verträgt sich mit der sozialen Anklage und dem Tagtraum, in dem Wollust und Liebesschmerz nicht weniger gegenständlich sind als Liebesüberdruss und Melancholie.32
Orhan Veli Kaniks Gedichte liest man mit einer seltsamen Unruhe. Man unterbricht, man springt auf, schaut aus dem Fenster, ob noch alles da ist, man schüttelt den Kopf, liest weiter, unterbricht, springt wieder auf, läuft in die Küche, schlägt sich ein Ei in die Pfanne, isst, liest weiter und merkt gar nicht, dass das Buch schon aufgehört hat — denn plötzlich ist alles, der Stuhl, der Tisch, das Ei in der Pfanne ein Gedicht von Veli.33

Gedichte.
Hrsg. von Hans Magnus Enzensberger
Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1966, 114 S.

Zurück